In Irakisch-Kurdistan treten nach einer Zeit relativer Ruhe nun erneut islamistische Organisationen auf den Plan, die mit viel Geld aus den Golfstaaten unterstützt werden.
Von Thomas v. der Osten-Sacken, Jungle World, 09.01.2026

(Moschee in Halabja)
Halabdscha in Irakisch-Kurdistan ist seit Jahrzehnten ein Ort, an dem sich sehr früh studieren ließ, welche islamistische Entwicklungen es in der ganzen Region gegeben hat und gibt. In den 1990er-Jahren etwa, als Islamisten im Nordirak noch vielen als eine zu vernachlässigende Kraft erschienen, begannen verschiedene dieser Gruppen schleichend in der 1988 von Saddam Hussein mit Giftgas bombardierten und dem Erdboden gleichgemachten Stadt ihre Machtbasis auch dank verschiedener Hilfsorganisationen auszubauen, um dann im Jahr 2000 faktisch die Macht zu übernehmen.
Ein Jahr später beschrieb das Washington Institute das Gebiet so:
»Die Fahrt nach Halabdscha glich einer Reise in das Afghanistan der Taliban. Weiße Fahnen wehten über den Kontrollpunkten, während junge Männer mit Taliban-Bärten und AK-47-Gewehren alle Fahrzeuge außer Dienstwagen durchsuchten. 1999 wurde auf das Auto einer internationalen Hilfsorganisation geschossen, nachdem es zuvor einen islamistischen Kontrollpunkt auf der Straße nach Tawella passiert hatte. Der Grund? Eine ausländische Frau trug kein Kopftuch.
Freitags mittags waren die Städte wie ausgestorben, da IMK-Kämpfer (Islamic Movement of Kurdistan) die Einheimischen zum Moscheebesuch zwangen. In dem gesamten Schutzgebiet predigten saudisch finanzierte Moscheen (erkennbar an Logos und Quellenangaben an ihren Wänden) den extremen Salafismus.«
Während die IMK Halabdscha und Umgebung kontrollierte, setzte sich in den benachbarten Bergen eine weit schlimmere, Al-Qaida nahestehende Terrorgruppe namens Jund al-Islam fest. Erst nach dem Sturz Saddam Husseins wurde sie aus der Region vertrieben, nachdem amerikanische Truppen gegen sie damals massiv vorgingen.
Seitdem verfügen zwar die legalen islamistischen Parteien in Irakisch-Kurdistan auch weiterhin über einen überdurchschnittlich großen Einfluss in Halabdscha, was etwa die Wahlergebnisse widerspiegeln, bei denen die Islamische Union Kurdistan regelmäßig als zweitstärkste Kraft abschneidet, sie üben aber keine unmittelbare Kontrolle mehr aus und geben sich nach außen hin moderat.
Beunruhigende Entwicklung
Auch nahm ihr Einfluss in den letzten Jahren merklich ab, der Druck auf Frauen ließ nach und es bildete sich langsam eine recht aktive Zivilgesellschaft. Deren Vertreter beobachten allerdings nun seit einiger Zeit eine bedenkliche Entwicklung: Vermehrt treten nun erneut islamische NGOs mit viel Geld aus den Golfstaaten auf den Plan und zielen mit ihren Aktivitäten vor allem auf Kinder und Jugendliche. So berichtet Banaz Ahmad von der lokalen Frauen- und Umweltgruppe NWE:
»Seit Kurzem gibt es ein neues Problem: Radikalislamistische NGOs, finanziert von den Golfstaaten, springen ein und füllen diese Lücken. Auf einmal haben wir 24 islamische NGOs, und jetzt gibt es in Halabdscha nur noch drei unabhängige NGOs, von denen wir die einzige sind, die sich mit Frauen- und Jugendfragen befasst. Unsere Region war schon immer konservativ, aber das führt zu einem ernsthaften sozialen Problem. Jugendliche, die begonnen haben, diese Veranstaltungen zu besuchen, radikalisieren sich und werden sehr intolerant gegenüber allen, die nicht genauso muslimisch sind wie sie. Für mich als Frau ist das besonders schwierig.
Die vom Golf finanzierten NGOs sind mit viel Geld gekommen und haben Mitarbeiter von großen NGOs abgeworben, indem sie ihnen viel höhere Gehälter versprochen haben, während westliche Länder ihre Hilfsgelder kürzen. Da die wirtschaftliche Lage nicht gut ist und diese Mitarbeiter für ihre Familien sorgen müssen, können sie nur schwer ablehnen. Dabei sind diese Organisationen sehr diskriminierend; sie helfen nur Muslimen. Selbst um an ihren Aktivitäten teilzunehmen, muss man Muslim sein, sonst wird man nicht akzeptiert.«
Auch andere Aktivistinnen aus Halabdscha bestätigen diese Entwicklung mit Sorge, die insofern jüngste Trends aus der ganzen Region bestätigt, dass die Generation Z, also die 16- bis 25-Jährigen, wesentlich weniger religiös eingestellt sind als ältere Generationen. Offenbar haben islamische Organisationen deshalb diese Generation mehr oder weniger abgeschrieben und zielen nun auf die darauffolgende Generation der noch Jüngeren. Dies fällt ihnen umso leichter, als, wie von Banaz Ahmad erwähnt, andere NGOs überall in der Region aufgrund massiver Streichung von Hilfsgeldern durch die USA und die EU um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen.
Viel Geld vom Golf
Das Geld vom Golf fließt dagegen in Strömen, und nicht nur in Halabdscha, sondern überall in Irakisch-Kurdistan intensivieren islamische Organisationen ihre Aktivitäten. Ganz ähnlich begann auch die schleichende islamistische Machtübernahme in der Region Halabdscha in den 1990er-Jahren. Wohlgemerkt handelt es sich bei diesen Organisationen meist nicht um solche aus dem Umfeld der Muslimbrüder. Vielmehr kommt das Geld aus Staaten wie Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, die gerne als moderat bezeichnet werden und als Partner des Westens hoch im Kurs stehen.
Dies liegt teilweise auch an der Fehlwahrnehmung, die Golfmonarchien bekämpften überall den Islamismus. Konkreter müsste man aber sagen, dass sie die Muslimbruderschaft bekämpfen und das weniger aufgrund tiefergehender ideologischer Differenzen, sondern als Konkurrenten. Denn die islamischen Monarchien fürchten sich vor den Muslimbrüdern vor allem deshalb, weil diese sich seit den 1980er-Jahren für die Teilnahme an Wahlen und demokratischen Prozessen entschieden haben, auch wenn beides eigentlich den Grundprinzipien islamistischer Ideologie widerspricht. Dabei geht es den Muslimbrüdern weniger um Anerkennung parlamentarischer Verfassungen als um eine Strategie, an die Macht zu gelangen.
Und genau das fürchten die absolutistisch regierenden Monarchen am Golf, die ihre Herrschaft zwar ebenfalls islamisch legitimieren, aber keine Wahlen abhalten lassen. Das aber hält sie keineswegs davon ab, weiterhin – und eben teils in offener Konkurrenz zu den Muslimbrüdern – ihre extrem konservative Auslegung des Islams überall in der Region zu verbreiten. Weil sie gleichzeitig massiv und öffentlichkeitswirksam vor der Gefahr durch die Muslimbrüder (und deren Unterstützer Türkei und Katar) warnen und dafür auch viel Geld ausgeben, erscheinen sie vielen im Westen fälschlicherweise als Partner im Kampf gegen den Islamismus. Nur sind die Muslimbrüder eben nur eine organisierte Gruppe des politischen Islamismus und keineswegs die einzige.
Die Entwicklungen in Halabdscha sprechen eine deutliche Sprache und es wäre nicht nur für die Menschen vor Ort, sondern die ganze Region verheerend, könnten solche NGOs ungehindert weiter ihre Mission betreiben. In solch einem Mikrokosmos zeigt sich auch, was die Streichungen westlicher Hilfsgelder mittel- und langfristig für negative Folgen haben werden, die sich dann nicht nur auf den Nahen Osten beschränken werden.