Stop FGM

Seit 2004 untersucht und bekämpft Wadi weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation) im Nordirak und darüber hinaus. Dieser Einsatz hat dazu beigetragen, dass die Rate der Betroffenen in der Region heute deutlich gesunken ist.

FGM-Projekte

2004 fanden Mitarbeiterinnen von Wadi bei ihrer Arbeit in den Dörfern heraus, dass junge Mädchen an den Genitalien verstümmelt werden. Wadi entschied sich dazu, dies öffentlich zu machen und konnte damit auch zeigen, dass es sich bei Genitalverstümmelung nicht etwa, wie bis dahin gedacht, um ein rein afrikanisches Problem handelte. Jahrelang bemühte sich Wadi, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, die diese Praxis im Nordirak umgab. Wenn Wadi-Mitarbeiter*innen im Radio oder im Fernsehen darüber sprachen, wurden sie gelegentlich dafür angefeindet, ja sogar bedroht. Doch sie taten es trotzdem und halfen so, das Thema auf die Tagesordnung zu bringen und allmählich den öffentlichen Diskurs zu verändern.

Wadi-Mitarbeiterinnen sprechen mit den Bewohnerinnen eines nordirakischen Dorfes über FGM

Es dauerte schließlich weniger als zehn Jahre bis zur Verabschiedung eines Gesetzes, dass diese Praxis unter Strafe stellt – ein beispielloser Erfolg. Wadi setzte sich auf lokaler und internationaler Ebene dafür ein, dass FGM im Nordirak in den Fokus der Öffentlichkeit geriet. Das war zunächst nicht leicht; viele NGOs und Behörden vor Ort äußerten Zweifel an den Befunden. Die Idee, dass FGM im Nahen Osten praktiziert wird, wurde nicht ohne Weiteres akzeptiert. Internationale Institutionen wie die UN nahmen Wadi’s Petition, den Nordirak in die Liste der betroffenen Regionen aufzunehmen, nicht ernst.
Wadi hatte sich jedoch zum Ziel gesetzt, der Genitalverstümmelung im Nordirak ein Ende zu bereiten. Auch mit sehr geringer finanzieller und sonstiger Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft ging die Kampagne weiter. Die Resultate sprachen für sich. 2017 veröffentlichte Heartland Alliance eine ausführliche Studie, die zeigte, dass FGM im Nordirak aufgrund Wadi’s vielfältiger Bemühungen stark zurückgegangen war: „Unter den befragten Müttern gaben 44,8 Prozent an, beschnitten zu sein, verglichen mit 10,7 Prozent ihrer Töchter.“

Human Rights Watch hält dies für die erfolgreichste Anti-FGM-Kampagne im Nahen Osten.

Dies sind Wadi’s wichtigste Programme gegen FGM:

STOP FGM KURDISTAN

Weil FGM im Nordirak offensichtlich weit verbreitet war, starteten die Mitarbeiter*innen 2005 eine erste Kampagne gegen die Praxis. Ziel war es, die Öffentlichkeit wachzurütteln und eine gesellschaftliche Dynamik in Gang zu setzen, die den Blick auf FGM verändern würde. Diese Kampagne lief seitdem mit Höhen und Tiefen – und sie läuft bis heute, getrieben vor allem durch Wadi’s Mobile Teams, durch Beiträge im Radio und im Fernsehen, durch lebhafte und kontroverse Debatten – innerhalb betroffener Gemeinschaften und vor allen Dingen privat bei den Menschen zu Hause. Eine Praxis wie FGM lässt sich am besten beenden, wenn sich möglichst weite Teile der Bevölkerung kollektiv dazu entschließen.

Aufklärungsarbeit wirkt kurz- und langfristig

So essenziell Aktivismus und Aufklärung für eine Kampagne auch sind – letztlich braucht es gesetzgeberische Maßnahmen. Aus diesem Grunde organisierte Wadi 2006 in Erbil die erste irakische Konferenz gegen FGM; später wurden im Rahmen der Kampagne „STOP FGM in Kurdistan“ mehr als 14 000 Unterschriften für ein gesetzliches Verbot von FGM gesammelt. Diese Petition wurde der kurdischen Regionalregierung vorgelegt. Die Parlamentarier zögerten zunächst, das Thema zu diskutieren. Im Juni 2011 schließlich beschloss das Parlament der Autonomen Region Kurdistan ein Gesetz gegen häusliche Gewalt, das ein Verbot von FGM enthielt.
Innerhalb dieses gesetzlichen Rahmens hat Wadi dann Hunderte Polizisten, Anwälte und Richter geschult, das FGM-Verbot richtig umzusetzen. Dies tun wir in enger Kooperation mit dem Abteilung gegen häusliche Gewalt – einer Regierungsbehörde, die erst nach Verabschiedung des Gesetzes geschaffen wurde.
Bis heute ist noch kein Fall aufgrund der neuen Gesetzgebung vor Gericht gelandet; dass FGM nun aber strafbar ist, wirkt weithin abschreckend und hat viel verändert. Wenn Wadi’s Mobile Teams Hebammen schulen, müssen diese versichern, dass sie keine Genitalverstümmelung praktizieren werden. Die Ausbilderinnen sagen ihnen: „Ihr wusstet es früher nicht, aber jetzt wisst ihr es. Wenn ihr euch nicht an das Gesetz haltet, werden wir die Polizei rufen.“
Wenn das Problem FGM gesellschaftlich ernst genommen wird, lassen sich binnen eines Jahrzehnts tatsächliche Veränderungen herbeiführen. Sogar trotz Widerständen an vielen Fronten, fehlender finanzieller Unterstützung und mangelndem internationalen Rückhalt. Die Teams arbeiten weiterhin so viel wie möglich innerhalb lokaler Strukturen und verbreiten Botschaften über lokale Radiosender, TV, Online-Medien und soziale Medien. Nicht zuletzt bieten sie telefonische Beratung. Das ist ein langer Prozess. Die Teams bleiben engagiert im Kampf gegen FGM, passen ihre Arbeit immer an die konkreten Gegebenheiten an und bewerten ihre Strategien fortlaufend neu.

Weitere Informationen zu Wadi’s FGM-Aktivitäten

FGM-FREIE DÖRFER

Das Konzept der FGM-freien Dörfer wurde entwickelt, um ein Umdenken in der Fläche und auch in entlegenden Gegenden zu befördern. Wir unterstützen Dorfgemeinschaften, die bereit sind für einen Wandel, und wir setzen uns dafür ein, dass ihre Stimmen gehört werden, um andere zu ermutigen, es ihnen gleichzutun. Dörfer können dem Netzwerk beitreten und Unterstützung für ein kleines Gemeinschaftsprojekt erhalten, im Gegenzug müssen sie sich öffentlich verpflichten, FGM nicht mehr zu praktizieren und jede Gewalt gegen Frauen und Kinder zu unterlassen.

Auf lokaler Ebene hatten die FGM-freien Dörfer großen Einfluss auf angrenzende Gemeinden. Viele Nachbardörfer wollten auch Teil des Programms werden, und meistens mussten ihnen die Mitarbeiterinnen (wegen begrenzter Geldmittel) eine Absage erteilen. Dennoch erklärten viele, FGM in ihrem Dorf nun beenden zu wollen. Sie waren davon überzeugt worden, dass FGM schädlich und unnötig ist.

Mehr Informationen zu diesem erfolgreichen Konzept

LEBEN MIT FGM

Die lebenslangen Beeinträchtigungen durch Genitalverstümmelung sind ein weites Feld. FGM richtet immens viel Schaden an – auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene. Um FGM möglichst ganzheitlich zu bekämpfen und mehr Informationen und Unterstützung für Betroffene zu bieten, hat Wadi begonnen, sowohl mit Frauen als auch mit Männern zu arbeiten, die mit den Auswirkungen von FGM leben – in Regionen, in denen die Praxis aufgegeben wurde.

Das Pilotprojekt wendet sich an Menschen in Städten und Dörfern in der Absicht, Methoden zu diskutieren und weiterzugeben, die dabei helfen können, mit den körperlichen und emotionalen Folgen von FGM umzugehen. Frauen, die mit FGM leben, benötigen überdies Unterstützung und Informationen über weitere Gesundheitsaspekte, wie zum Beispiel den Umgang mit Menstruation, Schwangerschaft oder Geburt.

Mit diesem Projekt beginnt die zweite Phase des Engagements gegen FGM. Dabei geht es darum, Betroffenen konkret zu helfen. Damit soll FGM in keiner Weise entschuldigt oder gebilligt werden. Es geht auf keinen Fall um eine Botschaft der Art „es ist nicht so schlimm, wenn ihr euren Töchtern das antut, denn wir haben hier ein paar Bewältigungsstrategien“.

Für junge Mädchen ist gesellschaftlicher Wandel jetzt entscheidend

In Irakisch-Kurdistan ist dieser Ansatz gänzlich neu, aber in Afrika und in migrantischen Communities in Europa wurden bereits Erfahrungen damit gemacht. Wadi arbeitet daran, effektive Strategien von den Methoden abzuleiten, die sich in diesen Communities bewährt haben. Vor Ort gibt es bei Sozialarbeiter*innen und Gesundheitspersonal einen großen Bedarf nach Schulungen über adäquate Versorgung von FGM-betroffenen Frauen. Dieses Projekt hilft, ihn zu decken.

STOP FGM MIDDLE EAST

2013 startete Wadi die Kampagne „Stop FGM Middle East & Asia“, um die Bekämpfung von FGM auf die internationale Agenda zu setzen und ein Netzwerk von Aktivist*innen aufzubauen, die einander wechselseitig unterstützen können.

Als Wadi 2004 erstmals Belege dafür fand, dass FGM im Nordirak praktiziert wurde, beharrten die meisten noch darauf, dass es dieses brutale „Ritual“ nur in Afrika gebe – wenngleich für den Jemen bereits eine Ausnahme gemacht werden musste, die mit der Nähe zum afrikanischen Kontinent erklärt wurde. Wir vermuteten angesichts solcher Widerstände, dass FGM auch andernorts in Asien zu finden wäre, alle Hinweise hierauf aber bis dahin konsequent ignoriert worden waren. Also fingen wir an, Daten zu sammeln. Bei der Recherche im Internet und in der anthropologischen Forschung fanden wir bald belastbare Belege dafür, dass FGM im Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Pakistan, Indien, Iran, Malaysia und Indonesien praktiziert wird. Wir sammeln diese Informationen und Forschungsdaten, um sie an UNICEF und UNFPA weiterzugeben. Wir arbeiten auch mit anderen Nichtregierungsorganisationen aus diesem Bereich zusammen und informieren auf internationalen Konferenzen über unsere Erkenntnisse.

Weitere Informationen zu dieser internationalen Kampagne