Im Krieg gegen das iranische Regime erscheinen die iranischen Kurden als naheliegende Bündnispartner der USA. Das aus US-Regierungskreisen geschürte Gerücht über einen unmittelbar bevorstehenden gemeinsamen Militärschlag hat die Kurden in der Region gefährlich exponiert.
Von Thomas von der Osten-Sacken, Jungle World vom 12.03.2026
(Bild: Angriff auf Gebäude der Revolutionsgardisten in Sanandaj, Quelle: X)
Wenige Tage nach Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen die Islamische Republik Iran stach man aus US-Regierungskreisen an die Öffentlichkeit durch, militärische Einheiten iranisch-kurdischer Parteien planten mit Unterstützung der CIA über die irakische Grenze hinweg Angriffe auf den Iran. Auch habe US-Präsident Donald Trump telefonisch mit iranisch-kurdischen Parteiführern über solche Pläne gesprochen. Ziel sei es, in Iranisch-Kurdistan einen Aufstand gegen das Regime zu entfachen. Kurze Zeit später geisterte sogar die Nachricht durch die Medien, eine entsprechende »Bodenoffensive« habe schon stattgefunden. Die Coalition of Political Forces of Iranian Kurdistan (CPFIK) dementierte die Meldung umgehend. Sie besteht aus einem Zusammenschluss von sechs iranisch-kurdischen Parteien, die Stützpunkte in Irakisch-Kurdistan unterhalten.
Überraschend war an den Meldungen weniger, dass kurdische Oppositionsparteien sich auf einen Sturz des iranischen Regimes vorbereiten und für diesen Fall auch über einige Tausend leicht bewaffneter Kämpferinnen und Kämpfer verfügen. Den Sturz des Regimes streben sie seit Jahrzehnten an, um in Rojhelat, so der kurdische Name für Iranisch-Kurdistan, eine demokratische und selbstverwaltete Autonomieregion zu errichten. Seit langem auch unterhalten sie Kontakte zur US-amerikanischen und wohl auch israelischen Regierung. Sollten allerdings tatsächlich Grenzübertritte bewaffneter Einheiten geplant sein, wäre es strategisch unklug, sie in internationalen Medien öffentlich anzukündigen – wie es die USA nun getan haben.
Die Regierung der irakisch-kurdischen Autonomieregion, die militärisch von den USA weitgehend abhängig ist und über keine eigenen Raketenabwehrsysteme verfügt, erklärte, in dem Krieg neutral bleiben zu wollen.
Die iranische Regierung drohte umgehend, Versuche von »Separatisten«, als welche kurdische Parteien im Jargon des Regimes gelten, mit allen Mitteln zu bekämpfen, und intensivierte Raketen- und Drohnenangriffe auf deren Stellungen im benachbarten Irakisch-Kurdistan. Dort vergeht derzeit kein Tag ohne Bombardements, betroffen sind auch Flughäfen, Hotels, in denen Ausländer wohnen, und US-amerikanische Militär- und Zivileinrichtungen.
Die irakische Regierung und die Menschen im Nordirak fürchten in dieser Situation, weiter in den Krieg hineingezogen zu werden. Inzwischen greifen auch vom Iran unterstützte schiitische Milizen aus dem Zentral- und Südirak Ziele in Irakisch-Kurdistan mit Drohnen an.
Die Regierung der irakisch-kurdischen Autonomieregion, die militärisch von den USA weitgehend abhängig ist und über keine eigenen Raketenabwehrsysteme verfügt, erklärte, in dem Krieg neutral bleiben zu wollen. Medienwirksam verlegte sie Truppen an die Grenze zum Iran und betonte, dass es vom Irak aus zu keinem Zeitpunkt zu einer Infiltration iranischen Gebiets gekommen sei. Die Beschwichtigungen gelten sicher auch der türkischen Regierung, die wenig Interesse an einem weiteren kurdischen Autonomiegebiet an ihrer Grenze haben dürfte.
Das alles hindert die iranisch-kurdischen Parteien nicht daran, sich weiter auf den Tag vorzubereiten, an dem das Regime der Mullahs fallen wird. Ihnen bietet sich, in den Worten von Hiwa Bahrami von der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (PDKI), mit diesem Krieg eine »historische Chance, wie sie vielleicht in 50 Jahren nicht wiederkommt«. In Iranisch-Kurdistan ist das Regime noch verhasster als im Rest des Landes, Aufstände flammen immer wieder auf. Um diese zu erleichtern, bombardieren israelische Kampfflugzeuge systematisch Einrichtungen von Revolutionsgardisten, Basij-Milizen und Polizei.
Ein weiterer Grund für das Mullah-Regime, nervös zu werden, denn mehr noch als Proteste im Zentrum des Landes fürchtet es bewaffnete Gegner in der Peripherie, in der mehrheitlich nichtpersische Bevölkerungsgruppen leben. Auch im Osten des Landes, in Belutschistan, haben sich inzwischen verschiedene Oppositionsparteien zusammengeschlossen und bewaffnete Aktionen angekündigt.
Für die kurdische Opposition im Iran und an dessen Grenzen ist das Risiko allerdings enorm groß. Sie müssen fürchten, von den USA im schlimmsten Fall als Bodentruppen verheizt und dann fallengelassen zu werden. Dann würde sie, wie so oft in der Vergangenheit, die brutale Rache des Regimes treffen.
Die Hauptforderung der kurdischen Parteien ist ein Ende des Regimes. Nach einem Sturz der Mullahs müsse der Iran dann in ein föderales und demokratisches System mit klarer Trennung zwischen Religion und Staat verwandelt werden.
Derweil nimmt man im Weißen Haus, wo sich proklamierten Kriegsziele und -gründe ohnehin täglich ändern, wieder Abstand von der Idee eines regime change. Inzwischen verkündete Trump eine Kehrwende: »Ich will nicht, dass die Kurden in den Iran gehen.«
»Den Kurden« jedenfalls, über die leider erneut in vielen Medien so berichtet wird, als seien sie irgendeine klandestine Söldnertruppe im Dienst der CIA, hat die US-Regierung mit den Meldungen der vergangenen Tage einen Bärendienst erwiesen. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass Kurdinnen und Kurden, die über zehn Prozent der Bevölkerung des Iran ausmachen, seit Jahrzehnten gegen das Regime aktiv sind. Kurden gehen nicht »in den Iran«, sie sind längst da – und sollten iranische Peshmerga in nächster Zeit die Grenze wirklich überqueren, wäre das auch nicht, wie ABC News titelte, eine »Invasion«, sondern die Rückkehr in ihr Heimatland.