Wadi-Rundbrief Winter 2020: „30 Jahre solidarische Hilfe“

Der neue Wadi-Rundbrief ist gerade erschienen, in dem wir zurück blicken auf dreißig Jahre Arbeit vor Ort.

Mit Beiträgen unseres langjährigen Mitarbeiters Abdullah Sabeer, einer Einleitung von Gründungsmitglied Oliver M. Piecha, einem Update über unserer Corona Kampagne und einem Gespräch über Flüchtlingsselbstverwaltung in Griechenland.

Aus der Einleitung:

Nachdem das Arbeiten im Südirak durch die wiedererstarkende Regierung bald unmöglich wurde, kam der Nordirak als Ziel in unser Blickfeld. Der kurdische Norden des Landes, in dem der Aufstand gegen die Regierung auch fast abgewürgt worden wäre, wenn nicht in buchstäblich letzter Minute eine Flugverbotszone der Alliierten den Rückzug von Saddam Husseins Truppen erzwungen hätte. Bis heute klingt die Bitte unserer Freunde damals im Süden des Landes in den Ohren: „Wenn Ihr uns wirklich helfen wollt, geht in den Norden und helft den Kurden, denn sie haben sich von Saddam befreit und wenn sie es bleiben, wird eines Tages der ganze Irak frei.“ Das nahmen wir als Aufforderung und sind geblieben.

Irakisch-Kurdistan blieb frei von der Diktatur, weil ausgerechnet eine Koalition aus USA, Großbritannien und Frankreich es beschützte. Es war dies eine Unterstützung, die den Syrern, die sich wie so viele andere Menschen in der arabischen Welt in den Jahren 2011ff.. gegen ihre Diktatoren auflehnten, versagt blieb. Auch in Irakisch-Kurdistan war die Ausgangslage vor Ort sehr klar: Den Menschen war es nach vielen Kämpfen endlich gelungen, ein mörderisches System loszuwerden, das schließlich sogar Völkermord begangen und Giftgas gegen Zivilisten eingesetzt hatte. Kämpfen hatten sie zwangsweise lernen müssen, aber wie man alte Strukturen brechen kann, wie Eigeninitiative funktioniert und wie man sich aus einem autoritären Gehäuse befreien muss, das waren ganz andere Fragen. Und es waren ganz andere Hilfsprojekte, in die WADI hier hineinwuchs, als das Verteilen und die ewige Mangelverwaltung. Es ging um Freiheit, auch um Selbstermächtigung – und organisation, wie man das heute nennt.

Der nächste Irakkrieg kam 2003, davor 9/11, Jihad und Politischer Islam drehten nochmal so richtig voll auf, die meisten Menschen in Europa wollten wie gehabt nichts als Frieden. Wadi stand damals an der Seite der irakischen Opposition, die einen Sturz der Diktatur notfalls auch militärisch befürwortete, und deshalb wurden wir von vielen angefeindet. Nach 2003 dehnten wir unsere Arbeit vor Ort maßgeblich aus, endlich, wenn auch sehr beschränkt, öffneten sich weitere Freiräume für neue Projekte, Programme und Kampagnen. Wer den Irak kannte, wusste: Der Status Quo in der Region ist auf Dauer nicht haltbar, irgendwann werden die Verhältnisse zu tanzen beginnen und die greisen, abgehafterten Diktatoren in der Region in den Abgrund schauen.

Gemeinsam mit unseren irakischen Kolleginnen und Kollegen werden wir hoffentlich noch viele weitere Jahrzehnte die Welt aus einer ganz anderen, als der europäischen, Perspektive erleben und zugleich dafür sorgen, dass sich vor Ort im Kleinen weiter etwas verändert.

2011 war es dann so weit, der arabische Frühling war etwas, auf das wir gewartet und gehofft hatten. Es war die Fortsetzung und Konsequenz aus dem Ende des alten Nahen Ostens, es war etwas, dessen Keimen wir schon in den neunziger Jahren im Nordirak gesehen hatten.

WADI war da längst eine deutsch-irakische Organisation mit Schwerpunkt im Nordirak und Projekten in anderen Ländern der Region geworden, und auch dieser Umstand bot wie damals in den Neunzigern schon eine gute Perspektive auf den generationellen Wandel, der dabei ist, den Nahen Osten sehr zu verändern. Etwas, das in Europa praktisch bis heute nicht wahrgenommen wird. Wie überhaupt dialektisches Denken, das Aushalten von Widersprüchen und historisches Denken kaum noch vorhanden scheinen. Die tatsächlich tiefen Probleme einer Region, die auf Gedeih und Verderb Europas Nachbar ist, wird man so kaum erfassen und verstehen können. Menschen müssen lernen, sich frei bewegen zu können. Es gibt Interessengegensätze und alte Mächte krallen sich mit aller Gewalt an ihren Opfern fest, zumal, wenn man ihnen dabei noch von außen hilft.

Wir haben nicht im Ansatz geahnt, damals, vor dreissig Jahren, das uns Themen wie der Irak, der politische Islam und die Konflikte im Nahen Osten mit ihren Flüchtlingsströmen für die nächsten Jahrzehnte immer näherrücken und zum Dauerthema der internationalen Schlagzeilen werden könnten. Es wäre uns vermutlich absurd erschienen. Dass die Welt des Kalten Krieges ein eigener Kosmos war, ganz untypisch und die Ausnahme, nicht die Regel, war uns, die wir darin aufgewachsen waren, nicht klar. Aber auch nun stehen wir wieder an einer Grenzscheide, und es ist wieder ein ganz auf sich selbst bezogenes Europa, das die Welt nicht mehr versteht. Nur dass die Welt sich nicht mehr um Europa dreht. Auch das haben wir im Irak gelernt. Und gemeinsam mit unseren irakischen Kolleginnen und Kollegen werden wir hoffentlich noch viele weitere Jahrzehnte die Welt aus einer ganz anderen, als der europäischen, Perspektive erleben und zugleich dafür sorgen, dass sich vor Ort im Kleinen weiter etwas verändert.

Ihnen möchten wir für die langjährige Unterstützung und Begleitung danken, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre, und wir hoffen, sie bleiben auch weiter an unserer Seite.

Der ganze Rundbrief als pdf-Datei

Wir würden uns sehr über Ihre weitere Unterstützung freuen.