Wadis Arbeit während des Lockdowns in der Corona-Krise

Von Beginn der globalen Coronaviruskrise an hat Wadi die Situation sehr ernst genommen. Im Februar sahen wir die erheblichen Planungsmängel zum Schutz gefährdeter Menschen in Flüchtlingscamps. Durch das enge Zusammenleben innerhalb vieler Camps würde der Virus sich in diesen wie ein Lauffeuer verbreiten – mit verheerenden Konsequenzen.

Bei der Wadi Partnerorganisation Stand by me Lesvos nahe des Moria-Camps in Griechenland werden wiederverwendbare Stoffmasken genäht

Auch die Folgen, die ein totaler Lockdown im Irak für Opfer häusliche Gewalt haben würde, bereiteten unserem Team Sorgen. Wie sollte die Arbeit fortgeführt werden, wenn sich ein so großer Teil der Aktivitäten auf langfristige Beziehungen und Vertrauensbildungsmaßnahmen mit Frauen und Kindern in schwierigen Situationen gründet?

Koordinierte Antwort auf die Gefahr durch den Coronavirus für Flüchtlinge Camps

Für Flüchtlinge in Camps hauptsächlich zwei Probleme, wenn es um Covid-19 geht. Erstens fehlt ein Zugang zu verlässlichen Informationen: Es gibt keine Fernseher, einige Leute haben Radios, andere Smartphones, manche Menschen haben ein Guthaben, andere nicht – das sind sehr gute Bedingungen für die Ausbreitung von Fehlinformationen und „fake news“ mit teils tödlichen Folgen. Als Reaktion auf diese Informationslücken gründete Wadi im Februar 2020 in Kooperation mit anderen Organisationen und mithilfe von Ärzten die Refugee Corona Information Resource – einen über Facebook agierenden Dienst, der praktische Tipps, Fakten und Anleitungen für einfache Selbstschutzmaßnahmen gegen die Ansteckung mit dem Coronavirus bereitstellt. Die Seite veröffentlicht ihre Beiträge auf Englisch, Arabisch, Farsi und Französisch.

Das zweite Hauptproblem für Flüchtlinge besteht darin, dass sie keinen verlässlichen Zugang zu sauberem Wasser und weiteren grundlegenden Hygienemaßnahmen haben. In Zusammenarbeit mit unserer Partnerorganisationen Stand by me Lesvos im berüchtigten Moria-Camp auf Lesbos (Griechenland) wurden große Anstrengungen zur Sortierung lang angehäufter Müllberge unternommen. Diese Anstrengungen waren exorbitant und am wichtigsten waren dabei die Zusammenkunft, Sebstorganisation und Gründung des Moria Corona Awareness Team (MCAT) durch die im sogenannten „Jungle“ von Moria lebenden Flüchtlinge. Das Team arbeitet daran, allen Müll aus dem Camp zu entsorgen und Stationen zum Händewaschen einzurichten. Bislang sind keine Fälle von Corona im Camp gemeldet worden und MCAT arbeitet hart daran, die Ausbreitung zu verhindern.

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Arbeiten während des totalen Lockdowns im Irak

Seit dem 15. März 2020 besteht im Irak ein totaler Lockdown. Es existieren Reiseverbote zwischen Städten und Dörfern, deren Einhaltung durch strikte Straßenkontrollen überprüft wird.

Unsere Seminare in den Camps und ländlichen Regionen Irakisch-Kurdistans – in Dohuk, Erbil, Suleymaniah, Ranya, Halabja und Garmyan – sind vorerst gestoppt worden. Alle Aktivitäten im Rahmen unserer „Not to Violence“-Kampagne wurden ebenfalls unterbrochen.

Nach einer kurzen Anpassungsphase und etwas Ruhezeit entwickelten wir neue Strategien, Konzepte und Arbeitsweisen. Unsere Teams wurden kreativ und in Zusammenarbeit (natürlich mit gebotenem Abstand) waren sie in der Lage, neue Wege zur Aufklärung über Gewalt an Frauen, Kindern und der Umwelt via Social Media, Radio und die Partnerorganisationen NWE, Kirkuk Now und andere zu gehen. Jeder dieser Kanäle erreicht unterschiedliche Zielgruppen – beispielsweise spricht das Radioprogramm unseres Partners NWE in Halabja wesentlich Geflüchtete und Binnenvertriebene in den umliegenden Camps an.

Ein Hauptproblem war der wahrscheinliche Anstieg häuslicher Gewalt allgemein sowie insbesondere der Gewalt gegen Kinder, da Familien unter angespannten Bedingungen wie dem Einkommensverlust der Eltern bei der gleichzeitigen Pflicht, die Familie ernähren und Miete zahlen zu müssen, wie auch der Tatsache, dass Kinder nicht in die Schule gehen können. Dies verstärkt eine ohnehin schon angespannte Situation noch einmal. Wie also sollen wir Menschen erreichen, wenn niemand (inklusive unserer ausgebildeten Teammitglieder) sich frei bewegen kann?

Wir beschlossen, unsere Follower einzubinden, indem wir sie darum baten, kurze Videos und Tipps zu teilen, wie man Kinder weiterhin beschäftigen sowie sich um die Natur kümmern kann und wie man alte Freunde und Verwandte über Telefonanrufe und Videochats kontaktieren und sich einander helfen könnte. Daraus entwickelte sich in einer unsicheren und belastenden Zeit ein sehr ermutigendes interaktives Projekt.

 

Unsere Teams konzentrierten sich zudem sehr auf Möglichkeiten, Leuten zu helfen, die häuslicher Gewalt ausgeliefert sind, indem sie in den letzten Jahren aufgebaute Kontakte zu den Communities nutzten. All jene, die Gewalt ausgesetzt sind, können ihre Communities kontaktieren, wo ihnen jemand zuhört. Bei Bedarf werden entsprechende Anlaufstellen zur Hilfe informiert.

In Dohuk hat unsere Partnerorganisation Jinda ihre Nähkurse zu einer kleinen Maskenschneiderei umgewandelt, in der ezidische Frauen, die gerade das Nähen lernten, nun potenziell lebensrettende, wiederverwendbare Masken Stoffmasken für ihre Community herstellen. In Halabja nutzen Flüchtlinge und Binnenvertriebene ihre Nähkenntnisse, die sie bei der Organisation NWE erworben haben, um Masken für Einheimische anzufertigen.

Diese Pandemie ist noch lange nicht vorbei, aber wir passen uns schnell an und gestalten unsere Arbeitsweise neu, damit wir unsere Projekte fortführen können.