Am 16. März 1988 wurde die kurdische Stadt Halabja von der irakischen Armee mit Giftgas bombardiert. Jedes Jahr wird daran erinnert. Ein Essay, warum Gedenken ohne Konsequenzen politisch bequem bleibt.
Von Richard Wilde, 16.03.2026

(Bild: Halbja Memorial, Bildquellen: YA-Media Kolektiv)
Um den 16. März versammeln sich jedes Jahr Tausende Menschen in Halabja. Politiker halten Reden, Kränze werden niedergelegt, Delegationen aus aller Welt besuchen die Gedenkstätten. Der Giftgasangriff von 1988 gilt heute als eines der schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und als Symbol kurdischen Leids.
Doch während die Erinnerung ritualisiert wird, bleibt eine zentrale Frage oft unbeantwortet: Was folgt politisch aus diesem Gedenken?
Der Jahrestag von Halabja ist längst zu einem festen Bestandteil internationaler Erinnerungspolitik geworden. Doch gerade die Form dieser Erinnerung verdeckt eine unbequeme Wahrheit. Halabja ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Der Angriff steht vielmehr in einem autoritären Kontinuum – einer politischen Logik, in der Gewalt gegen kurdische Gesellschaften immer wieder toleriert, relativiert oder geopolitisch instrumentalisiert wird.
Dieses Kontinuum reicht von Saddam Husseins genozidaler Anfal-Kampagne über die Mitverantwortung westlicher Staaten bis hin zu gegenwärtigen Machtkonstellationen in der Region. Halabja ist daher nicht nur ein historischer Tatort, sondern auch ein politischer Prüfstein: Wie wird erinnert – und welche Konsequenzen hat dieses Erinnern tatsächlich?
Halabja im Kontext der Anfal-Kampagne
Der Angriff auf Halabja war kein isoliertes Ereignis. Auch wenn er nicht wirklich Teil der sogenannten Anfal-Kampagne, mit der das irakische Baath-Regime 1988 versuchte, die kurdische Bevölkerung systematisch zu zerstören, war, tragen beide Ereignisse die gleichen Handschriften. Hunderttausende Menschen wurden vertrieben, in Lager verschleppt oder in Massengräbern ermordet. Die Dörfer wurden mit schwerem Gerät und auch Giftgas angegriffen. Halabja markierte, in dieser Zeit, eine grausamen Höhepunkt dieser Strategie: den Versuch der Auslöschung der kurdischen Bevölkerung mit massiven Einsatz chemischer Waffen gegen Zivilbevölkerung.
Überlebende berichten bis heute von verschiedenen Vorzeichen des Giftes, wie dem süßlichen „Geruch nach Apfel“, der in der Luft lag – ein Hinweis auf die eingesetzten Nervengase. Innerhalb weniger Minuten verloren Menschen ihr Augenlicht, erstickten oder starben an schweren Verätzungen der Haut und Atemwege. Mehr als 5.000 Menschen starben unmittelbar im Angriff auf Halabja, viele weitere an den langfristigen Folgen.
Chemiewaffen erzeugen dabei nicht nur Tod – sie erzeugen Terror. Ihre Wirkung ist nicht nur physisch, sondern psychologisch. Sie signalisieren einer ganzen Bevölkerung, dass sie als auslöschbar betrachtet wird.
Die internationale Dimension des Verbrechens
Doch Halabja war nicht nur das Verbrechen eines Diktators. Es war auch eingebettet in die geopolitischen Machtkonstellationen des Kalten Krieges. Während des iranisch-irakischen Krieges galt Saddam Hussein vielen westlichen Regierungen als strategischer Partner gegen den Iran.
Deutsche Firmen lieferten Technologie für chemische Produktionsanlagen, westliche Unternehmen exportierten sogenannte Dual-Use-Chemikalien. Ohne diese internationale Infrastruktur hätte das irakische Chemiewaffenprogramm in dieser Form nicht existieren können.

(Bild: Gedenkveranstaltung in Halabja)
Diese historische Verantwortung wurde nach dem Sturz des Baath-Regimes nur unzureichend aufgearbeitet. Zwar wurde der Angriff auf Halabja später offiziell als Völkermord anerkannt, und einzelne Verantwortliche wurden verurteilt. Doch die strukturelle Rolle internationaler Unternehmen und politischer Unterstützer*innen blieb weitgehend folgenlos. Halabja wird weltweit als moralisches Symbol erinnert – während die politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die solche Verbrechen ermöglicht haben, kaum ernsthaft infrage gestellt werden.
Organisationen wie WADI arbeiten bis heute daran, diese historischen Zusammenhänge aufzuarbeiten. Neben Projekten zur Unterstützung von Überlebenden des Anfal-Genozids dokumentiert WADI auch die sozialen und gesundheitlichen Folgen von Chemiewaffenangriffen in kurdischen Regionen. Ihre Arbeit zeigt, dass die Auswirkungen solcher Angriffe oft über Generationen hinweg bestehen bleiben – von chronischen Erkrankungen bis zu genetischen Schäden.
Neue Akteur*innen, alte Logik
Im Jahr 1999 wurde von türkischen Streitkräften am Berg Cudi Tränengas eingesetzt, als sie versuchten, Guerillastellungen in schwer zugänglichen Gebirgsregionen zu räumen. Dies Berichtet die IPPNW, die International Physicians for the Prevention of Nuclear War. Auch in den folgenden Jahrzehnten berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder über ähnliche Vorwürfe.
Dass Chemiewaffen kein Relikt des Kalten Krieges mehr sind, zeigt aber nicht nur dieses Beispiel sondern auch der Krieg in Syrien. Seit Beginn des Konflikts wurden dort zahlreiche Giftgasangriffe dokumentiert. Ein Bericht der Syrian American Medical Society zählt allein bis 2015 161 bestätigte Chemiewaffenangriffe, bei denen mindestens 1.491 Menschen starben und über 14.000 verletzt wurden. Besonders international bekannt wurde der Sarin-Angriff auf die Region Ghouta bei Damaskus im August 2013. Mehr als 1.300 Menschen wurden dabei innerhalb weniger Stunden getötet. Ärztinnen und Ärzte berichteten von typischen Symptomen einer Nervengasvergiftung: verengte Pupillen, Atemlähmung, Krampfanfälle und Schaum vor dem Mund.
In den folgenden Jahren veränderte sich die Form der Angriffe. Während der Einsatz von Sarin nach internationalem Druck zurückging, wurden zunehmend Chlorbomben eingesetzt. Diese wurden häufig in improvisierten Fassbomben aus Hubschraubern über Wohngebieten abgeworfen. Chlor ist ein weit verbreiteter Industriestoff und nicht vollständig durch internationale Chemiewaffenabkommen reguliert. Doch sein Einsatz als Waffe ist verboten. Betroffene berichten von einem stechenden Geruch nach Reinigungsmitteln, gefolgt von starkem Husten, Atemnot und dem Gefühl des Erstickens. Medizinische Einrichtungen in den betroffenen Regionen waren häufig völlig überfordert. Viele Krankenhäuser verfügten weder über ausreichend Schutzkleidung noch über geeignete Medikamente. Ärzte behandelten Opfer teilweise ohne Schutzmasken und setzten sich selbst der Gefahr einer Vergiftung aus.
Die psychologischen Folgen solcher Angriffe sind enorm. Viele Überlebende berichten noch Jahre später von schweren Traumata. Chemiewaffenangriffe zerstören nicht nur Leben – sie zerstören das Vertrauen in jede Form internationaler Schutzmechanismen.
So entsteht eine paradoxe Situation: Während in Halabja Denkmäler für die Opfer von 1988 errichtet werden und es ein lautes „nie wieder“ gab, bleibt die Aufarbeitung möglicher neuer Chemiewaffenverbrechen schwierig. Erinnerung an Giftgaseinsätze werden ritualisiert, während ihre politischen Konsequenzen ausbleiben.
Gerade in solchen Situationen spielen zivilgesellschaftliche Organisationen eine zentrale Rolle. Während staatliche Untersuchungen oft blockiert oder verzögert werden, sammeln NGOs Beweise, dokumentieren Zeugenaussagen und unterstützen Betroffene. Organisationen wie WADI arbeiten seit Jahren in kurdischen Regionen des Irak und Syriens. Neben Projekten zur Frauenrechtsarbeit und Unterstützung von Überlebenden von Gewalt dokumentiert WADI auch Menschenrechtsverletzungen und setzt sich für internationale Aufmerksamkeit ein.
Diese Form der zivilgesellschaftlichen Dokumentation ist entscheidend, weil sie verhindert, dass Verbrechen unsichtbar bleiben. Viele der heute bekannten Informationen über Chemiewaffeneinsätze stammen ursprünglich aus der Arbeit lokaler Aktivist*innen, medizinischer Netzwerke und NGOs.
Erinnerungspolitik und soziale Realität
Das autoritäre Kontinuum zeigt sich auch in der sozialen Realität der Überlebenden. Viele Menschen in Halabja kämpfen bis heute mit schweren gesundheitlichen Folgen des Giftgasangriffs. Gleichzeitig fehlt es oft an medizinischer Versorgung, sozialer Absicherung und wirtschaftlicher Perspektive. Immer wieder kommt es zu Protesten gegen Korruption, fehlende Infrastruktur und ausbleibende Entschädigungen. Demonstrierende richten ihre Kritik nicht nur an die Regierung in Bagdad, sondern auch an die kurdische Regionalregierung.
Hier offenbart sich eine zentrale Spannung: Halabja ist ein zentraler Ort nationaler Erinnerung – aber für viele Bewohner*innen bleibt diese Erinnerung folgenlos. Denkmäler werden gebaut, Jahrestage organisiert, internationale Delegationen empfangen. Doch die sozialen und politischen Forderungen der Betroffenen bleiben häufig unerfüllt.
Gedenken droht so zu einer symbolischen Praxis zu werden, die politisches Handeln ersetzt.
Halabja als politischer Prüfstein
Der Jahrestag des 16. März erinnert jedes Jahr an das Grauen von 1988. Doch ein Gedenken, das sich auf Trauer und moralische Empörung beschränkt, bleibt politisch bequem. Es erlaubt Regierungen und Institutionen, das Verbrechen zu verurteilen, ohne die strukturellen Bedingungen zu verändern, die solche Gewalt ermöglichen.

(Bild: Massengrab in Halabja)
Halabja sollte deshalb nicht nur als Symbol des Leidens erinnert werden, sondern als Warnung vor einem autoritären Kontinuum, das bis heute fortbesteht. Die selektive Empörung internationaler Politik, regionale Machtallianzen und die Instrumentalisierung von Erinnerung zeigen, dass die politischen Lektionen aus Halabja noch immer nicht gezogen wurden.
Wenn Erinnerung mehr sein soll als rituelle Trauer, muss sie zur politischen Konsequenz führen: zur Aufarbeitung internationaler Verantwortung, zur unabhängigen Untersuchung neuer Chemiewaffenvorwürfe und zur Unterstützung jener Menschen, die bis heute mit den Folgen des Angriffs leben.
Solange das nicht geschieht, bleibt Halabja nicht nur ein Ort des Gedenkens – sondern ein Spiegel der politischen Gegenwart.
