Shokh Mohammad von Wadi e. V. berichtet über ihre Arbeit in der Autonomen Region Irakisch-Kurdistan und über den Kampf gegen Genitalverstümmelung.
Jasmin Arémi, Mena-Watch, 16.05 2026

(Bild: Shokh Mohammad, Quelle: Wadi e. V.)
In der Autonomen Region Kurdistan im Irak ist die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) weiterhin Realität. Die Zahlen sind zwar rückläufig – unter anderem aufgrund verabschiedeter Gesetze sowie einer gesellschaftlichen Haltung, die sich langsam verändert. Dennoch bleibt FGM Teil eines sozialen Systems, das tief in familiären, religiösen und kulturellen Strukturen verankert ist. Über FGM aufzuklären und darüber zu sprechen, bedeutet deshalb nicht allein, über Gewalt an den Körpern von Frauen zu reden. Es geht auch um Gemeinschaft, Kontrolle, Scham und die Angst vor sozialem Ausschluss.
Shokh Mohammad kennt diese Dynamiken genau. »Mein Name ist Shokh Mohammad, ich bin 31 Jahre alt«, sagt sie zu Beginn des Gesprächs. Seit 2015 arbeitet sie für Wadi e. V., eine deutsch-irakische Organisation, die seit den frühen 2000er Jahren im Nordirak aktiv ist. Der Schwerpunkt lag zunächst auf humanitärer Hilfe, Entwicklungsarbeit sowie der Unterstützung von Frauen und Kindern in Krisenregionen.
Religiöser und sozialer Druck
Das Thema FGM ergab sich aus einer Beobachtung, die zunächst unscheinbar wirkte. In den ländlichen Regionen der kurdischen Autonomieregion fehlten zahlreiche Mädchen in den Kindergärten. Recherchen zeigten schließlich, dass diese Mädchen auf die FGM-Praxis vorbereitet wurden.
Die ersten Untersuchungen der NGO machten sichtbar, wie tief die Praxis gesellschaftlich verankert war. In manchen Dörfern waren nahezu alle Mädchen betroffen. In der Region Garmian (im Südosten der kurdischen Autonomieregion) lag die Rate bei bis zu 80 Prozent. Später bestätigte auch das Gesundheitsministerium der Autonomen Region Kurdistan eine Prävalenz von 42 Prozent, wobei diese Zahl vermutlich eher eine Untergrenze darstellt. Denn über das Vorgehen von FGM wird traditionell nicht gesprochen, die Eingriffe finden im Verborgenen statt.
Die Prozedur findet dabei meist im Rahmen enger familiärer und sozialer Beziehungen statt und ist eng mit lokalem gesellschaftlichem Druck verknüpft. Dass heute überhaupt öffentlich darüber diskutiert werden kann, ist das Ergebnis jahrelanger politischer Arbeit. Wadi machte das Thema sichtbar, sammelte Daten, organisierte Kampagnen und erhöhte den Druck auf die Politik. 2011 wurde FGM schließlich gesetzlich verboten. Gleichzeitig wird die Praxis, insbesondere in den abgelegenen ländlichen Regionen, weiterhin fortgesetzt.
FGM umfasst verschiedene Formen der weiblichen Genitalverstümmelung. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet vier Typen. Von der teilweisen oder vollständigen Entfernung von Klitoris und Klitorisvorhaut über Eingriffe an den kleinen Schamlippen bis hin zur Verengung der Vaginalöffnung oder anderen schädigenden und verletzenden Praktiken. In den untersuchten Gebieten dominieren vor allem die Typen I und II.
Die Eingriffe werden häufig verharmlost, obwohl die gesundheitlichen Folgen gravierend sind. Es kommt zu Blutungen, Infektionen, chronischen Schmerzen und Komplikationen bei Geburten. Ebenso tief reichen die psychischen Folgen, die häufig zu schweren Traumata führen. Besonders zerstörerisch ist dabei das beschädigte Vertrauen zu Menschen aus dem engsten Umfeld – Müttern, Großmüttern oder Tanten –, die diese Gewalt in der Regel begleiten und sie selbst initiieren. Die Verletzung wird dadurch Teil familiärer Normalität. Viele Betroffene leiden deshalb unter Angstzuständen und Traumata. Der eigene Körper wird zum Erinnerungsort einer Erfahrung, die nie vollständig abgeschlossen ist.
Die Gründe für die Durchführung der Praxis sind komplex und zugleich widersprüchlich. Religiöse Konzepte spielen eine Rolle, ebenso tradierte Reinheitsvorstellungen und patriarchale Kontrollmechanismen. Vor allem aber wirkt der soziale Druck innerhalb der Gemeinschaften, in denen FGM weiterhin als Voraussetzung sozialer Akzeptanz gilt. Häufig steht deshalb nicht eine individuelle Überzeugung im Vordergrund, sondern die Angst, ausgeschlossen zu werden.
Spürbare Veränderung
Und dennoch verändert sich etwas. Insbesondere jüngere Frauen lehnen die Praxis zunehmend ab, nicht zuletzt deshalb, weil viele selbst betroffen sind und die Folgen kennen. Dieser Erfahrungsbruch zwischen den Generationen ist zentral für die Arbeit von Wadi. Die Organisation setzt auf langfristige Aufklärung, auf Gespräche und auf Präsenz in den Gemeinden. Sozialarbeiter und Juristen reisen regelmäßig in die ländlichen Regionen, um über gesundheitliche Risiken, rechtliche Konsequenzen und Frauenrechte zu sprechen. Dabei geht es nicht nur um die Praxis der FGM selbst, sondern um ein umfassenderes Verständnis von Gewalt und Selbstbestimmung.
Ein erheblicher Erfolg sind die sogenannten »FGM-freien Dörfer«. Zwölf Gemeinden haben sich nach intensiver Zusammenarbeit öffentlich verpflichtet, die Praxis aufzugeben – und dies auch sichtbar gemacht. Ein Prozess, der nur durch monatelange Vertrauensarbeit möglich wurde. Dass dieser Wandel Wirkung zeigt, beschreibt Shokh anhand eines bemerkenswert einfachen Mechanismus sozialer Dynamiken: »Als einige Gemeinden sahen, dass ihre Nachbardörfer darüber gesprochen haben und es keine weiteren Probleme gab, wurden wir von ihnen wieder kontaktiert.« Wenn sichtbar wird, dass Veränderung möglich ist, ohne den sozialen Zusammenhalt zu zerstören, beginnt sich etwas zu bewegen.
Der Verein arbeitet deshalb auch mit religiösen Autoritäten und staatlichen Institutionen zusammen und versucht, klare Positionierungen gegen FGM zu erreichen. Das schließt das Religionsministerium ebenso ein wie lokale Verwaltungen. Gleichzeitig bleibt internationale Unterstützung weiterhin entscheidend, auf politischer, finanzieller und öffentlicher Ebene. Heute befindet sich das Programm in einer neuen Phase. Während Prävention und Aufklärung erste Erfolge zeigen, rückt zunehmend die Unterstützung betroffener Frauen in den Mittelpunkt. Denn viele leben mit langfristigen körperlichen und psychischen Folgen und benötigen medizinische sowie psychosoziale Hilfe.