Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) im Nahen und Mittleren Osten wieder auf die Agenda bringen – Wadi auf der Konferenz „Women Deliver 2026“

Eine Vertreterin von Wadi nahm an der Konferenz „Women Deliver 2026“ in Australien teil, um über die laufende Kampagne gegen Genitalverstümmelung bei Frauen im irakischen Kurdistan und im gesamten Nahen und Mittleren Osten zu diskutieren.

(Bild: Panel auf der Women Deliver 2026 Konferenz)

Kürzlich nahm Wadi in Melbourne, Australien, gemeinsam mit Tausenden Aktivistinnen und Aktivisten an der Konferenz „Women Deliver 2026“ teil. Eine Woche stand ganz im Zeichen der weltweiten Solidarität, aber für uns war es auch eine seltene Gelegenheit, die Aufmerksamkeit endlich einmal wieder auf weibliche Genitalverstümmelung (FGM) im Nahen Osten zu lenken – einer Region, die in der globalen Debatte um FGM oft vernachlässigt wird. Unser Ziel während dieser viertägigen Veranstaltung war es, den Dialog mit anderen Experten, Organisationen, Netzwerken und Institutionen zu suchen – um Vorurteile zu überwinden und uns auf evidenzbasierte Lösungen zu konzentrieren. Wir konnten Erkenntnisse aus mehr als 20 Jahren Kampf gegen FGM beitragen – ein Kampf, der zu einer deutlichen Senkung der FGM-Raten in Irakisch-Kurdistan geführt hat.

Wir wollten uns zudem mit anderen Organisationen austauschen, die in ähnlichen Kontexten tätig sind, um Einblicke in ihre bewährten Praktiken und Ansätze zur Beendigung dieser Praxis zu gewinnen und dabei gleichzeitig die komplexen kulturellen und religiösen Gegebenheiten der jeweiligen Region zu berücksichtigen. Unser Ziel mit Blick auf zukünftige Kampagnen war es auch, die Schwierigkeit deutlich zu machen, in diesen Ländern zu arbeiten, wenn institutionelle Geldgeber diesem Thema im Nahen Osten und in Asien keine Priorität einräumen. Wir wissen aus kleinen aktivistischen oder medizinischen Studien, dass so viele Gebiete dringend Mittel für Forschungs- und Lobbyarbeit benötigen, aber auch internationale Unterstützung und hochrangige Fürsprache auf Regierungsebene, zu der kleine NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen keinen Zugang haben.

Jenseits des Rampenlichts: FGM in unterrepräsentierten Regionen

Unsere Teilnahme begann am 26. April mit der ganztägigen Vorkonferenzveranstaltung „United for Action: Global Solidarity to End FGM/C“. Wadi-Mitarbeiterin Isis Elgibali, die sich seit Langem dafür einsetzt, FGM im Nahen Osten auf europäischer und internationaler Ebene in den Fokus zu rücken, hatte die Ehre, gemeinsam mit Professorin Angela Dawson und Sean Callaghan an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen, die von Warda Warsame moderiert wurde.

Der Kern von Wadis Botschaft: Wir können nicht beenden, was wir nicht sehen wollen.

Wadi startete 2013 die Kampagne „END FGM Middle East and Asia“, um Daten zu sammeln und die weltweite Aufmerksamkeit auf dieses Problem zu lenken. Jetzt, im Jahr 2026, hat sich in dieser Frage zwar etwas bewegt, doch sind wir von einem echten Wandel noch sehr weit entfernt, da die Realität fast gar nicht wahrgenommen wird. Es gibt viele Länder, von denen wir einige Daten haben oder in denen es kleine aktivistische Forschungsprojekte oder von Krankenhäusern geleitete Studien gab, aber im Allgemeinen ziehen es viele Regierungen vor, dieses Thema herunterzuspielen oder es höchstens zaghaft anzusprechen.

Größere Initiativen wie landesweite Untersuchungen oder nationalen Aktionspläne gibt es meist nicht. Bestimmte Länder haben in den letzten 10 Jahren ihre Kinderschutzgesetze aktualisiert, ohne FGM direkt zu erwähnen. Sie verwenden stattdessen weit gefasste Begriffe wie „unnötige Schädigung“, was gravierende Lücken hinterlässt. Viele dieser Gesellschaften stehen ganz am Anfang ihres Weges, sich mit diesem komplexen Thema auseinanderzusetzen. Und einige Länder haben wirklich gezeigt, dass sie bereit sind, an den Dingen zu arbeiten, aber wenn der Druck nicht von unten aus ihren Gesellschaften selbst kommt, wird der Wandel immer nur halbherzig sein. Wadi betonte die Notwendigkeit, die Grassroot-Bewegungen, die in jedem betroffenen Land existieren, sowohl finanziell als auch mit technischem Wissen zu unterstützen.

Durch die Bündelung unserer Kräfte und die Nutzung unseres gemeinsamen Fachwissens wollen wir auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten: die Wiederaufnahme der Kampagne „STOP FGM Middle East“.

In einigen Ländern des Nahen Ostens wird weibliche Genitalverstümmelung oft als „Einwanderungsproblem“ oder als „importierte Praxis“ abgetan. Die Realität sieht jedoch anders aus: In den Vereinigten Arabischen Emiraten ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2011 eine Prävalenzrate von 34 % unter emiratischen Frauen. Zwar haben staatliche Krankenhäuser die Praxis verboten, doch aufgrund fehlender landesweiter Erhebungen und rechtlicher Lücken wird sie in privaten Kliniken weiterhin praktiziert, was die Region potenziell zu einem „Zentrum der Medikalisierung“ für die Diaspora macht. Gleiches gilt für Saudi-Arabien und Kuwait: Trotz langjähriger Leugnungen ergab eine Studie aus dem Jahr 2019 in Dschidda eine Prävalenzrate von 18 % unter einheimischen Frauen. In Kuwait deuten kleinere Studien aus der Mitte der 2010er Jahre auf Raten von bis zu 38 % hin, doch offizielle Maßnahmen bleiben aus.

In Oman stellen lokale Aktivist*innen seit Jahren das übliche Narrativ in Frage, dass FGM in Oman kaum vorkomme, und sprechen von Prävalenzraten zwischen 78 % und 95 % in bestimmten Provinzen wie Dakhiliyah. Obwohl die Regierung das Kinderschutzgesetz von 2014 im Jahr 2019 präzisiert hat, um die Praxis zu verbieten, bleibt der Mangel an aktuellen, landesweiten Daten in großem Maßstab ein Haupthindernis für die wirksame Umsetzung dieser rechtlichen Schutzmaßnahmen.

Im Iran berichten Aktivistinnen und Aktivisten weiterhin, dass in bestimmten Provinzen Genitalverstümmelung praktiziert wird; unter großer Gefahr für ihre persönliche Sicherheit setzen sie sich in diesen Gemeinden weiterhin für die Sensibilisierung der Bevölkerung ein. Im Irak hat die Region Kurdistan (KRG) zwar Fortschritte erzielt, doch stellen die jüngsten Änderungen im Personenstandsrecht im zentralen Irak – darunter die Legalisierung der Kinderheirat durch das Parlament in Bagdad – einen erheblichen Rückschlag für die Rechte von Frauen und Kindern dar.

Diese kleinen Beispiele verdeutlichen, dass es nach wie vor notwendig ist, umfassende Daten zu erheben. Der allererste Schritt muss es sein, genau zu ermitteln, was wo und bei wem geschieht.

Die Kurdistan-Erfahrung – ein potenzielles Modell

In einer zweiten Podiumsdiskussion unter der Leitung des Orchid Project mit dem Titel „Datengestützter Wandel: Die Datenlücke schließen, um FGM in Asien zu beenden“ hatte Frau Elgibali die Gelegenheit, über die langjährige Arbeit von Wadi in der Region Kurdistan im Irak (KRG) zu berichten. Die anderen Podiumsteilnehmerinnen waren Dr. Bodiroza (UNFPA), Frau Kamanga-Njikho (UNICEF), Dr. Pambudi (Gesundheitsministerium von Malaysia) und Frau Cowan (DFAT Australien).

Wadis Weg begann zunächst nicht mit dem Thema weibliche Genitalverstümmelung, sondern mit Alphabetisierungskursen und der Vermittlung medizinischer Grundkenntnisse. Indem wir sichere Räume für Bildung schufen, bauten wir das nötige Vertrauen auf, damit Frauen begannen, über ihre persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Dieser „Bottom-up“-Ansatz ermöglichte es uns, von vereinzelten Erfahrungsberichten zu einer systematischen, regelmäßigen Datenerhebung überzugehen. Das führte im Laufe der Jahre zu genügend gesellschaftlichem Druck, um für ein Gesetz zum Verbot dieser Praxis zu werben, welches das Parlament der Regionalregierung Kurdistans (KRG) tatsächlich 2011 verabschiedete.

In der Podiumsdiskussion sprach unsere Vertreterin Isis Elgibali über die Bedeutung von Datenerhebungen durch Aktivistinnen und Aktivisten, lokale NGOs und medizinische Einrichtungen. Sie betonte die positive Wirkung des Bottom-up-Ansatzes und hob die Stärkung von Eigenverantwortung der Community als entscheidenden Faktor für den Erfolg unserer Strategie hervor. Veränderungen sind weitaus weniger wirksam, wenn sie im Rahmen eines „Top-down“-Ansatzes aufgezwungen werden. Zwar war ein Gesetz zum Verbot dieser Praxis unerlässlich, doch letztlich war es der nicht-bestrafende, positive, community-basierte und langfristige Ansatz, der den Erfolg brachte und half, die FGM-Raten innerhalb einer Generation erheblich zu senken. Zwei Regionen konnten inzwischen als „FGM-frei“ erklärt werden.

Frau Elgibali betonte die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit im Rahmen der Süd-Süd-Kooperation und des Austauschs bewährter Ansätze sowie die Notwendigkeit, religiöse Geistliche einzubeziehen und die betroffenen Gemeinschaften „dort abzuholen, wo sie stehen“ – sowohl in physischer Hinsicht, da viele Frauen nicht die Möglichkeit haben, sich frei zu bewegen, als auch im kulturellen und religiösen Kontext. Wadi forderte UNICEF und UNFPA zudem direkt auf, diese Bemühungen weiterhin zu unterstützen und sich als internationale Institutionen für die Bereitstellung von Finanzmitteln, Unterstützung und Ressourcen einzusetzen sowie auf Regierungsebene in der Region des Nahen Ostens einzusetzen.

Globale Brücken bauen

Das Networking bei Women Deliver war eine bereichernde Erfahrung, die über den bloßen Austausch von Visitenkarten hinausging; es geht darum, eine „Süd-Süd“-Zusammenarbeit aufzubauen, die lokale Kontexte respektiert. Das Treffen mit den indonesischen Ulama-Frauen (islamische Gelehrte) bestätigte einen zentralen Grundsatz von Wadi: Wir müssen mit religiösen Gemeinschaften zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Die Komplexität der Religion anzuerkennen und mit religiösen Räten zusammenzuarbeiten, ist der einzige Weg, um diejenigen zu erreichen, denen wir helfen wollen. Indem wir respektvoll mit Geistlichen und Gemeindevorstehern sprechen, können wir ein gemeinsames Engagement für das Wohlergehen von Mädchen fördern. Wir waren uns einig, dass die in einigen westlichen akademischen Kreisen vorherrschende Sichtweise, wonach „Religion keine Rolle spielt“, weder im nahöstlichen noch im asiatischen Kontext besonders hilfreich ist. Auch wenn FGM nicht im Koran erwähnt wird, so müssen wir doch mit Islamgelehrten zusammenarbeiten, um auf diejenigen Geistlichen einzuwirken, die diese Praxis unterstützen. Respektvoller Dialog – nicht Ausgrenzung – ist der einzige Weg nach vorn.

Asia Network als Vorbild

Wir haben das Asia Network auch als potenzielles Vorbild für ein künftiges Netzwerk im Nahen Osten in Betracht gezogen. Der Erfolg, den sie in den letzten Jahren beim Aufbau einer länderübergreifenden Zusammenarbeit erzielt haben, zeigt, was möglich ist, wenn wir Ressourcen und Strategien bündeln. Wir hoffen, ihr Modell nachahmen zu können, um die „STOP FGM Middle East“-Kampagne wieder aufzunehmen und hoffentlich innerhalb der nächsten Jahre ein Netzwerk aufzubauen. Das Netzwerk hat in Zusammenarbeit mit dem Orchid Project seine Unterstützung für dieses Vorhaben zugesagt. Das ist ein wirklich positiver Schritt, und wir freuen uns darauf, zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen.

Frau Elgibali traf sich, vermittelt durch END FM EU, auch mit der Victoria Sexual Assault/Crimes Unit in Australien. Diese war sehr interessiert daran, zu erfahren, welche Communities betroffen sein könnten, und bekundete Interesse an Schulungen oder Sensibilisierungsveranstaltungen, um iranische und andere Einwanderergemeinschaften aus dem Nahen und Mittleren Osten besser unterstützen zu können.

Perspektiven

Unsere Reise endet nicht in Melbourne. Eines der wichtigsten Ergebnisse von „Women Deliver“ war die erneuerte Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Orchid Project. Durch die Bündelung unserer Kräfte und die Nutzung unseres gemeinsamen Fachwissens wollen wir auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten: die Wiederaufnahme der Kampagne „STOP FGM Middle East“.

Wir verlassen Australien mit einer klaren Vision: diese globalen Verbindungen in lokales Handeln umzusetzen, unsere regionale Lobbyarbeit wieder aufzunehmen und sicherzustellen, dass jedes Mädchen gesehen wird. Dieses Thema braucht weiterhin nicht nur internationale Aufmerksamkeit, sondern auch finanzielle Mittel. Sie können diese Bemühungen hier unterstützen.

Wadis Teilnahme an der Women Deliver 2026-Konferenz wurde vom Orchid Project gefördert.