Im diesjährigen Sommer Rundbrief stellen wir anlässlich unseres 35jährigen Jubiläums einige neue Projekte vor und informieren über die Lage vor Ort und laufende Programme.
Aus der Einleitung:
Sehr geehrte Spenderinnen und Spender, liebe Freundinnen und Freunde,
Es gilt immer im Blick zu halten, dass trotz vieler Rückschläge und Frustrationen das Leben heute für die Mehrheit der Menschen ungleich besser ist, und das nicht nur ökonomisch, sondern auch, was alltägliche Freiheiten anbelangt. Es ist ein Prozess, den wir über all die Jahre begleitet haben und den wir – wo immer möglich – zu unterstützen und voranzubringen versucht haben.
Vieles davon scheint selbst uns inzwischen so selbstverständlich, dass es des Blickes von außen bedarf, um uns darauf aufmerksam zu machen. So hatten wir kürzlich Besuch von Diplomatinnen einer europäischen Botschaft aus Bagdad, die zum ersten Mal in den kurdischen Teil des Irak gekommen waren. Zusammen mit einigen unserer Partnerorganisationen stellten wir verschiedene Programm und Projekte vor und wurden dann gefragt, ob denn überall bei uns fast nur Frauen tätig seien. Wir bejahten ohne große Gedanken die Frage, nur um zu hören, dass dies ja äußerst außergewöhnlich und bemerkenswert sei. Da erst fiel uns auf, dass nicht nur Wadi in Europa und dem Irak von Frauen repräsentiert wird, sondern auch die meisten unserer Partnerorganisationen so genannte frauengeführte Organisationen sind. Was uns selbstverständlich erschien, ist es in der Tat nicht, deshalb erlauben wir uns auch, an dieser Stelle zu erwähnen, dass mehr als 80% der bei uns in Partnerorganisationen Tätigen weiblich sind – wir haben nachgerechnet.
Nicht nur die Vertreterin der Botschaft, sondern auch andere fragen uns dieser Tage, wie und ob wir mit der Krise zu Rande kommen, die momentan eigentlich alle Hilfsorganisationen grundlegend erschüttert, schließlich werden weltweit gerade radikal Gelder gestrichen. Natürlich spüren auch wir in vielen Bereichen die Kürzungen, die nebenbei gesagt, nicht falsch, sondern auch äußerst kurzsichtig sind, aber bislang konnten wir, vor allem dank unserer Strukturen, so weiterarbeiten wie bisher. Denn anders als viele andere Hilfsorganisationen haben wir immer auf einen großen Verwaltungsapparat verzichtet und teilen uns in Kurdistan unsere kleinen Büros mit Partnerorganisationen. Auch haben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Einblick in unsere finanzielle Lage, und wir entscheiden den Umständen entsprechend gemeinsam, wie und ob unter Umständen Ausgaben gekürzt werden müssen. Nur eine Maxime gilt bei uns seit Jahrzehnten: Wenn irgend möglich, soll niemand aus dem Team aufgrund finanzieller Engpässe gehen müssen.
Auch wenn in der Tat der Wind rauher wird, hoffen wir, nicht zuletzt dank Ihrer Unterstützung, so weitermachen zu können wie bisher. Denn wir sind auch nach so langer Zeit, nach vielen Rückschlägen, Kriegen und Krisen, die wir zusammen durchgestanden haben, fest davon überzeugt, wie in den ersten Tagen unserer Existenz, dass diese Art solidarischer Entwicklungszusammenarbeit nicht nur wichtig ist, sondern auch täglich aufs Neue Erfolge zeigt.
In diesem Rundbrief stellen wir Ihnen zwei aktuelle neue Projekte vor, wollen aber nicht, dass andere darüber in Vergessenheit geraten. Besonders froh nämlich sind wir über die Entwicklung der „Active Citizenship“ Kampagne, die wir seit 2023 gemeinsam mit Partnern und dem niederländischen Konsulat in Erbil entwickelt haben. Ihr zugrunde liegt die Idee, es mit Begriffen wie Bürger- bzw. Zivilgesellschaft wirklich ernst zu nehmen. Dies aber heißt vor allem, eines der vermutlich größten und schwerwiegenden Probleme nahöstlicher Gesellschaften zu adressieren, nämlich das grundlegende Misstrauen, ja die oft offene Feindschaft zwischen Bürgern und staatlichen Stellen. Gesellschaftliche Veränderungen aber sind nur möglich, wenn staatliche und nichtstaatliche Akteure sich nicht als Gegner betrachten, sondern ergebnisorientiert zusammenarbeiten. Dies ist vor allem auf lokaler Ebene möglich, und genau da setzten wir an. In den letzten Jahren haben sich so beeindruckende Kooperationen ergeben, etwa bei der Stärkung dörflicher Landwirtschaft, Alphabetisierung von Frauen, der Zusammenarbeit mit Kliniken und Behörden im Kampf gegen häusliche Gewalt, bei verschiedenen Umwelt- und Gesundheitsprojekten, und neuerdings auch in Bezug auf Aufklärung über Drogen und Drogenmissbrauch. Überall arbeiten nun unsere Partnerorganisationen auf gleicher Augenhöhe mit den lokalen Behörden zusammen, tauschen Informationen aus und entwickeln gemeinsam Lösungsansätze für brennende gesellschaftliche Probleme. Dies geschieht, wie gesagt, auf der „untersten Ebene“, also dort, wo die Menschen leben und arbeiten, einander kennen und in Versammlungen – in Anlehnung an die Amerikanische Revolution nennen wir sie Town Hall Meetings – zusammenkommen, um miteinander zu diskutieren. (…)
Wir möchten zugleich die Krisen nicht klein- oder schönreden. Der letzte Krieg, der auch Irakisch-Kurdistan massiv betraf, denn fast täglich schlugen auch dort Drohnen und Raketen ein, hat einmal mehr gezeigt, wie fragil die Lage ist. Zugleich wissen wir sehr genau, dass die Feinde dessen, dass es besser wird, weiterhin äußerst aktiv sind. Der Islamische Staat etwa ist keineswegs endgültig besiegt, und leider müssen wir beobachten, dass erneut auch in Kurdistan islamistische Organisation sich versuchen auszubreiten. Sie nutzen die Lage, also dass immer weniger Hilfsgelder zur Verfügung stehen, für ihre Zwecke und bieten verschiede karitative Projekte an, die allerdings klare politische Ziele verfolgen.
Leider bestätigt der jüngste Bundeshaushalt einmal mehr, dass die Kürzungen der Hilfsbudgets in Europa und den USA nicht auslaufen, sondern sich voraussichtlich noch weiter verschärfen werden. Das heißt natürlich auch für uns, dass es immer schwerer wird, unsere Programme und Kampagnen zu finanzieren. Umso mehr sind wir auf Ihre solidarische Hilfe angewiesen, für die wir uns auf diesem Weg ganz herzlich bedanken möchten.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen allen einen schönen Sommer.
Thomas von der Osten-Sacken (Geschäftsführung)
