In einem Gespräch mit Mena-Watch stellt Bakhan Jamal von unserer Partnerorganisation ADWI ihre Arbeit vor und spricht über Probleme in der kurdischen Gesellschaft. Sie erklärt auch, warum nachhaltige Veränderung nur gemeinsam mit den Menschen vor Ort gelingen kann – und weshalb kurzfristige Förderlogiken dieser Arbeit oft im Weg stehen.

Jasmin Arémi (JA): Frau Jamal, können Sie sich und Ihre Arbeit für ADWI und Wadi kurz vorstellen?
Bakhan Jamal (BJ): Ich begann bei Wadi als Übersetzerin und arbeitete später unter anderem als Supervisorin und Projektkoordinatorin. Ein wichtiger Grundsatz von Wadi besteht darin, erfolgreiche Projekte langfristig in die Hände lokaler Organisationen zu übergeben. So wurden zum Beispiel Spielbusse, die zunächst in Germian und später auch in Ranya und Erbil unterwegs waren, 2019 an die lokale Organisation ADWI übergeben. ADWI steht für »Awareness and Development Organization for Women and Children in Iraq«.
Heute bin ich Projektkoordinatorin von ADWI und arbeite weiterhin als Supervisorin mit Wadi zusammen. Unsere Teams stammen aus den Orten und Regionen, in denen sie tätig sind. Sie kennen die Menschen, die örtlichen Verhältnisse und die angemessene Art, miteinander zu kommunizieren. Dieses Wissen und das über Jahre entstandene Vertrauen sind für unsere Arbeit entscheidend.
JA: Was bedeutet aktives zivilgesellschaftliches Engagement für Sie persönlich?
BJ: Viele Menschen verhalten sich gegenüber gesellschaftlichen Problemen zunächst passiv. Man spricht darüber und beklagt sich, versucht aber nur selten, selbst etwas zu verändern. Aktives zivilgesellschaftliches Engagement bedeutet für mich, das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen, auf Probleme im unmittelbaren Umfeld zu reagieren und sich als Teil gesellschaftlicher Veränderung zu begreifen.
Im Irak besteht eine tiefe Kluft zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren, zwischen der Bevölkerung und der Regierung. Das hat viel mit den historischen Erfahrungen der Menschen zu tun. Nach den Diktaturen und der Gewalt, die sie erlebt haben, betrachten viele die staatlichen Institutionenn, die Polizei oder andere Amtsträger nicht als Verbündete, sondern als Gegner. Selbst wenn sich ein Regime verändert, ändert sich die Wahrnehmung von Macht und Regierung nicht automatisch. Es ist schwer, Vertrauen zu Institutionen zu entwickeln, vor denen man sich lange fürchten musste. Deshalb sind Kampagnen zur Stärkung der Zivilgesellschaft so unerlässlich. Sie können den Menschen zeigen, dass sie Teil einer Diskussion, eines Netzwerks und schließlich auch einer Veränderung sein können.
JA: Warum ist es wichtig, Veränderungen gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu entwickeln?
BJ: Ein Projekt hat einen festgelegten Beginn und ein Ende. Gesellschaftliche Veränderung funktioniert aber nicht nach einem solchen Zeitplan. Man kann weder Denkweisen noch Traditionen, die über Generationen gewachsen sind, innerhalb eines ein- oder zweijährigen Projekts verändern. Menschen müssen verstehen, warum ein Thema für sie bedeutsam ist, und die Veränderung selbst mittragen. Deshalb müssen die Kampagnen mit ihnen, von ihnen und für sie entwickelt werden.
Weibliche Genitalverstümmelung
Unsere Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung, kurz FGM, ist dafür ein anschauliches Beispiel. Als Wadi mit dieser Arbeit begann, war FGM in Teilen der Gesellschaft sehr weit verbreitet und zugleich ein Thema, über das öffentlich kaum gesprochen wurde. Um daran etwas zu ändern, mussten Frauen, Hebammen, Mullahs, Fachleute und Medien einbezogen werden.
Heute wird in Fernsehsendungen und in den sozialen Medien offen darüber diskutiert, ob jemand FGM befürwortet oder ablehnt. Schon dass diese Auseinandersetzung auf öffentlichen Plattformen stattfindet, wäre früher kaum vorstellbar gewesen. Dafür mussten die Menschen das Thema zu ihrem eigenen machen. Es musste in ihrer Sprache verhandelt, mit ihren Erfahrungen verbunden und von Personen aus ihrem Umfeld vertreten werden. Ein von außen auferlegtes Projekt hätte das nicht erreicht.
JA: Welche Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit zwischen Bevölkerung und staatlichen Institutionen?
BJ: Wir arbeiten mit sehr unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft zusammen: mit Bürgern und zivilgesellschaftlichen Initiativen, aber auch mit Behörden, der Polizei, Krankenhäusern und kommunalen Verwaltungen. Viele Amtsträger stammen selbst aus den betreffenden Gemeinden und möchten zur Lösung ihrer Probleme beitragen. Häufig fehlt es lediglich an einer Verbindung zwischen den Beteiligten. Eine zentrale Aufgabe der Zivilgesellschaft besteht darin, beide Seiten zusammenzubringen und ihnen zu helfen, gemeinsame Interessen zu erkennen.
Vertrauen und Veränderung entstehen durch viele aufeinander aufbauende Projekte und dadurch, dass man auf die Bedürfnisse der Gesellschaft eingeht und nicht nur auf die Vorgaben der Geldgeber.
Als zivilgesellschaftliche Organisation können wir nicht für jedes Problem ein eigenes Projekt anbieten. Aber wir können mit Kontakten, Arbeitsgruppen und Netzwerken die Menschen dazu befähigen, künftig selbst miteinander zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Darin sehe ich eine unserer zentralen Aufgaben. Selbst nach vielen Jahren in diesem Bereich bin ich immer wieder überrascht, wie viele staatliche Angebote, Vorschriften und Zuständigkeiten es gibt, von denen kaum jemand weiß. Wie soll dann ein Mensch, der nicht beruflich mit diesen Strukturen zu tun hat und sich vor allem um den Lebensunterhalt seiner Familie sorgt, davon erfahren?
JA: Wie lassen sich in Ihrer Arbeit langfristige Veränderungen trotz kurzfristiger Förderungen erreichen?
BJ: Eine besondere Stärke von Wadi ist die langfristige Perspektive. Es geht nicht darum, ein Projekt lediglich zu beginnen, abzuschließen und anschließend zum nächsten überzugehen, denn gesellschaftliche Veränderung vollzieht sich nicht innerhalb von ein oder zwei Jahren. Dafür braucht es zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre. Wadi arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten in Irakisch-Kurdistan. Vertrauen und Veränderung entstehen durch viele aufeinander aufbauende Projekte und dadurch, dass man auf die Bedürfnisse der Gesellschaft eingeht und nicht nur auf die Vorgaben der Geldgeber.
Für Organisationen ist es jedoch schwierig, die Interessen der Förderer mit dem zu verbinden, was die Menschen vor Ort tatsächlich benötigen. Internationale Geldgeber kennen die Regionen, in denen wir arbeiten, oft nicht aus eigener Anschauung. Zudem ändern sich ihre Prioritäten. Ein Thema steht eine Zeit lang im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit und gilt wenig später als veraltet.
Umweltschutz
JA: Ein wichtiger weiterer Punkt ist der Bereich Umweltschutz. Wie reagieren die Menschen auf Projekte wie Recyclingzentren oder die klimaangepassten Modellhäuser?
BJ: Umweltfragen sind inzwischen ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit, weil sie jeden betreffen. Im Sommer leiden Haushalte in ganz Irakisch-Kurdistan unter Wassermangel. Alle erleben die Folgen der Umwelt- und Klimakrise in ihrem Alltag. Wasser ist inzwischen ein Thema, über das man mit praktisch jedem Menschen sofort ins Gespräch kommen kann.

Eines der ersten Recyclingprojekte in Irakisch-Kurdistan wurde von Wadi in Halabdscha begonnen. In vielen Straßen, Nachbarschaften und Landschaften liegt Plastikmüll, aber lange dachte kaum jemand über Recycling nach. Die Menschen beklagen das Problem und warten häufig darauf, dass eine mächtigere Stelle es für sie löst. Wir versuchen dagegen, kleine und realistische Modelle zu entwickeln, mit denen Gemeinden selbst beginnen können.
Halabdschaa ist dafür ein besonderer Ort. Der Giftgasangriff des Saddam-Regimes traf 1988 nicht nur die Bevölkerung, sondern hinterließ auch schwere Umweltschäden. Das Recyclingzentrum entstand zunächst als lokale Initiative zur Sammlung und Wiederverwertung von Plastik. Da es weder geeignete Maschinen noch ein etabliertes Sammelsystem gab, mussten wir vieles selbst herausfinden: Welche Technik eignet sich? Wie organisiert man die Abholung? Mit welchen Behörden und Unternehmen muss man zusammenarbeiten? Dafür braucht man Zeit. Heute ist das Zentrum ein erfolgreiches, wenn auch weiterhin anspruchsvolles Projekt.
Ein weiteres Beispiel sind die Modellhäuser in Halabdscha und Kifri. Sie zeigen, wie ein gewöhnliches Haus in Irakisch-Kurdistan klima- und umweltfreundlicher gestaltet werden kann. Dazu gehören begrünte Dächer, Wärmedämmung, Solartechnik und die Wiederverwendung von Grauwasser. Manche Ansätze knüpfen an ältere Lebensweisen an. Früher waren Häuser und Höfe oft stärker begrünt; mit dem Wachstum der Städte und dem Bau immer umfangreicherer Wohnanlagen ging vieles davon verloren. Die Häuser berücksichtigen die unterschiedlichen Bedingungen der beiden Orte.
Kinder- und Frauenrechte
JA: Wie erreichen Sie mit dem Spielbus Kinder und vermitteln ihnen ihre Rechte?
BJ: Der Spielbus ist mit Spielzeug und Materialien ausgestattet und fährt zu Kindern in Dörfern, Stadtvierteln und Camps. Um mit Kindern ins Gespräch zu kommen, braucht man zunächst einen offenen und sicheren Raum. Man muss ihr Vertrauen gewinnen, statt sie wie kleine Erwachsene zu behandeln. Spielen ist dafür ein wunderbares Mittel.
Für manche Kinder in abgelegenen Dörfern ist es das erste Mal, dass sie mit richtigem Spielzeug spielen oder Erwachsene außerhalb ihrer Familie ihnen in einer geschützten Umgebung Aufmerksamkeit schenken. Zunächst spielen unsere Mitarbeiterinnen mit ihnen. Danach entstehen Gespräche über ihren Alltag, ihre Sorgen und ihre Rechte. Oft kommen Kinder schon auf uns zu, bevor eine solche Gesprächsrunde überhaupt begonnen hat.
Frauen müssen wissen, dass Gewalt, die sie erleben, nicht normal ist und nicht ihre eigene Schuld.
Einmal arbeiteten wir im Rahmen der »Nein zu Gewalt«-Kampagne an einer Schule. Kinder fragten uns: »Warum seid ihr so freundlich zu uns? Unser Lehrer behandelt uns nicht so. Könnt ihr auch mit ihm sprechen?« Solche Äußerungen waren einer der Gründe, warum wir begannen, neben den Kindern auch Lehrer, Schulleitungen und Eltern in die Arbeit für gewaltfreie Schulen einzubeziehen. Kinder werden in ihren Familien und in der Gesellschaft häufig übergangen. Es gibt nur wenige Räume, in denen ihre Ansichten ernst genommen werden. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie Menschen mit eigenen Rechten, Bedürfnissen und Ideen sind. Schließlich tragen sie die Zukunft ihrer Gemeinschaft.
JA: Welche Erfahrungen machen Sie bei der Aufklärung über Frauen- und Jugendrechte?
BJ: Unsere Teams werden juristisch geschult, damit sie auf die Probleme, von denen Menschen ihnen berichten, angemessen reagieren können. Dabei arbeiten wir auch mit einer Organisation für Rechtsberatung in Sulaimaniyya zusammen. In unseren Seminaren informieren wir unter anderem über die Gesetze gegen häusliche Gewalt und FGM, über Kinderrechte sowie über digitalen Missbrauch und Gefahren in den sozialen Medien. Für viele Frauen ist es das erste Mal, dass diese Fragen als rechtliche Themen zur Sprache kommen. Nach den Veranstaltungen wenden sie sich oft vertraulich an unsere Mitarbeiterinnen, bitten um Rat oder fragen, welche Möglichkeiten sie im Fall einer Trennung oder nach einer Gewalttat haben. Unsere Teams geben ihnen Telefonnummern und vermitteln sie bei Bedarf an Beratungsstellen weiter.
Der Gang zur Polizei ist gerade für Frauen noch immer eine erhebliche Hürde. Schon die bloße Anwesenheit einer Frau auf einer Polizeistation kann ihrem Ruf schaden. Hinzu kommt, dass Polizeidienststellen Frauen nicht immer respektvoll oder unterstützend begegnen. Man kann sich dort wie eine Beschuldigte fühlen, noch bevor man überhaupt erzählt hat, was geschehen ist. Wir versuchen deshalb, Frauen zu begleiten oder ihnen zumindest zu zeigen, an wen sie sich wenden können. Zugleich haben wir Schulungen für Polizisten zum Umgang mit Fällen häuslicher Gewalt angeboten. Solche Initiativen sind lebenswichtig.
Frauen müssen wissen, dass Gewalt, die sie erleben, nicht normal ist und nicht ihre eigene Schuld. Rechte nutzen niemandem, wenn die Betroffenen sie nicht kennen. Deshalb müssen Gesetze öffentlich erklärt werden – auch in sozialen Medien, die für jüngere Menschen eine große Rolle spielen. Gleichzeitig benötigen Polizisten, Behördenmitarbeiter und andere Verantwortliche Schulungen, damit sie Menschen, die Hilfe suchen, nicht verurteilen, sondern ihnen mit Würde begegnen.
