Gemeinsam gegen weibliche Genitalverstümmelung: Ein Bericht vom „Justice for Girls“-Konferenz in Kenia

Im September 2026 kamen in Kenia Aktivistinnen und Aktivisten, Überlebende, Regierungsvertreter, Geldgeber und Vertreter sozialer Bewegungen zum „Justice for Girls“-Treffen und -Festival zusammen. Ihr gemeinsames Ziel: weibliche Genitalverstümmelung und Kinder-, Früh- und Zwangsverheiratung innerhalb einer Generation zu beenden.

(Bild: Panel auf der „Justice for Girls“ Konferenz, Quelle aller Bilder: Justice for Girls)

Auch Wadi und seine Partnerorganisation ADWI waren vor Ort. Sie vertraten die Kampagne „Stop FGM Middle East“ und brachten ihre langjährige Erfahrung aus dem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung im Nahen Osten ein.

Das Festival war weit mehr als eine internationale Konferenz. Es bot Raum, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie sich das Wissen und die Stärke von Mädchen und betroffenen Frauen in konkrete Veränderungen umsetzen lassen. Die Veranstaltung fand zu einem entscheidenden Zeitpunkt statt: Einerseits gab es Erfolge zu feiern, andererseits bestehen weiterhin erhebliche Schutzlücken. Zugleich wächst weltweit der Widerstand gegen die Gleichstellung der Geschlechter und gegen bereits errungene Frauenrechte.

Für Bakhan Jamal, Direktorin von ADWI, und Isis Elgibali, Projektmanagerin bei Wadi, war die Reise nach Kenia eine Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen, über wirksame Strategien nachzudenken und gemeinsam mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Ein zentrales Thema der Veranstaltung war die Situation im Nahen Osten – eine Region, in der weibliche Genitalverstümmelung und Kinderehen noch immer das Leben zahlreicher Mädchen, Frauen und Familien prägen. Gleichzeitig werden diese Probleme in der internationalen Debatte häufig unterschätzt oder nur unvollständig erfasst.

Der globale Kontext: FGM im Nahen Osten

Am 2. September stellten die Teilnehmenden die Situation in verschiedenen Weltregionen vor, um eine gemeinsame Grundlage für die weitere Zusammenarbeit zu schaffen. Wadi und die Kampagne „Stop FGM Middle East“ präsentierten dabei die Lage im Nahen Osten und machten deutlich, wie sehr offizielle Statistiken das tatsächliche Ausmaß der Probleme verschleiern können.

Auf den ersten Blick scheint die Region bei manchen Fragen bereits Fortschritte gemacht zu haben. Doch der Eindruck täuscht. Oft wird angenommen, dass das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen überall bei 18 Jahren liegt oder weibliche Genitalverstümmelung nur in wenigen Gebieten vorkommt, etwa in Ägypten oder im irakischen Kurdistan. Tatsächlich ist die Situation weitaus komplexer. Fehlende Daten, gesetzliche Ausnahmen und mangelnder politischer Wille erschweren es, Mädchen wirksam zu schützen.

Besonders deutlich zeigt sich das bei Kinderehen. Nur Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate verbieten nach Darstellung des Artikels ausnahmslos Eheschließungen vor dem 18. Lebensjahr. In anderen Ländern, darunter Iran, der Zentralirak und der Libanon, sind Kinderehen unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen weiterhin möglich.

Das Beispiel Irak veranschaulicht, wie widersprüchlich die Rechtslage sein kann. Eine 2025 beschlossene Änderung des Personenstandsrechts in Bagdad senkte das gesetzliche Heiratsalter auf neun Jahre und übertrug die Zuständigkeit für das Eherecht auf konfessionelle Gerichte. Im irakischen Kurdistan gilt dagegen weiterhin ein Mindestalter von 18 Jahren. Allerdings steht die Region unter erheblichem politischem Druck, die Regelung aus Bagdad zu übernehmen.

So entstehen gefährliche Schlupflöcher: Wer in einer Region mit strengeren Schutzbestimmungen lebt, kann unter Umständen eine kurze Fahrt über die Grenze unternehmen, um dort eine Kinderehe zu arrangieren. Anschließend kehrt die Familie zurück – während das betroffene Mädchen ein Leben lang mit den Folgen leben muss.

Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Ähnlich widersprüchlich ist die Situation bei weiblicher Genitalverstümmelung. Im irakischen Kurdistan verbietet das Gesetz Nr. 8 aus dem Jahr 2011 die Praxis. Auf Bundesebene fehlt jedoch ein entsprechendes Verbot. Auch hier können unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen dazu führen, dass Mädchen nicht überall gleichermaßen geschützt sind.

Weitere Beispiele finden sich in der omanischen Provinz Dhofar, wo die Praxis nach Angaben des Artikels nicht ausreichend erfasst wird, im Küstengebiet des Jemen sowie in Ägypten, wo nicht registrierte sogenannte Urfi-Ehen eine zusätzliche Herausforderung darstellen. Überall erschweren fehlende Daten und unzureichende staatliche Maßnahmen die Aufklärung und Verantwortungsübernahme.

Die zentrale Erkenntnis lautet: Nachhaltige Veränderungen entstehen weder allein durch Gesetze noch durch internationale Konferenzen. Sie brauchen Menschen, die sich vor Ort engagieren.

Doch die Erfahrungen von Wadi zeigen, dass Veränderungen möglich sind – selbst dort, wo schädliche Traditionen tief in der Gesellschaft verwurzelt sind.

Mit der Kampagne „Stop FGM Kurdistan“ hat die Organisation über viele Jahre hinweg daran gearbeitet, gesellschaftliche Normen zu verändern und weibliche Genitalverstümmelung zurückzudrängen. Die Ergebnisse sind ermutigend: In Teilen des irakischen Kurdistan ist die Häufigkeit der Praxis deutlich gesunken. In den vergangenen Jahren wurden zwei Regionen als frei von weiblicher Genitalverstümmelung erklärt. Human Rights Watch hat den Ansatz von Wadi als Modell für nachhaltige Veränderungen anerkannt.

Diese Erfolge zeigen zugleich, wie wichtig kontinuierliche Arbeit vor Ort ist. Denn selbst wenn eine Region als frei von weiblicher Genitalverstümmelung gilt, bedeutet das nicht automatisch, dass die Praxis dauerhaft verschwunden ist. Sie kann im Verborgenen weiterbestehen oder erneut zunehmen, wenn Präventionsprogramme unterbrochen werden.

Ihre Botschaft war eindeutig: Erfolge müssen langfristig abgesichert werden. Dazu braucht es kontinuierliche Aufklärung, verlässliche Beobachtung und Unterstützung für Betroffene. Weibliche Genitalverstümmelung findet häufig innerhalb der Familie und fernab der Öffentlichkeit statt. Deshalb reichen offizielle Erklärungen allein nicht aus.

Auch bei der Forschung besteht dringender Handlungsbedarf. In mehreren Ländern des Nahen Ostens weisen kleinere Studien und medizinische Untersuchungen darauf hin, dass weibliche Genitalverstümmelung und Kinderehen weiterhin verbreitet sind. Doch unabhängige Forschung ist oft schwierig, insbesondere wenn staatliche Stellen wenig Interesse an einer Aufarbeitung zeigen oder entsprechende Daten fehlen.

Mehr Druck ist nötig

Die Teilnehmenden aus dem Umfeld von Wadi betonten deshalb, dass internationale Organisationen und Regierungen gemeinsam Druck ausüben müssen, um unabhängige Untersuchungen zu ermöglichen – ohne dabei die betroffenen Gemeinschaften zu stigmatisieren oder zu traumatisieren.

Zugleich muss die Forschung dazu beitragen, konkrete Lösungen zu entwickeln, die sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. Ziel ist es nicht allein, das Ausmaß der Probleme zu dokumentieren, sondern auch Wege zu finden, wie sich schädliche Praktiken dauerhaft beenden lassen.

Dabei ist es entscheidend, die Erfahrungen unterschiedlicher Regionen miteinander zu verbinden. Während der Veranstaltung knüpften Wadi und ADWI Kontakte zu Aktivistinnen und Aktivisten aus Südostasien und anderen Teilen der Welt. Viele von ihnen stehen vor ähnlichen Herausforderungen oder arbeiten in vergleichbaren religiösen und gesellschaftlichen Kontexten. Der Austausch machte deutlich, wie viel die verschiedenen Bewegungen voneinander lernen können.

Blick zu sehr von „westlicher Perspektive“ geprägt

Isis Elgibali warnte zugleich davor, dass internationale Debatten zu sehr von westlichen Perspektiven geprägt werden könnten. Gerade in einer Zeit, in der Frauenrechte weltweit unter Druck geraten, dürften die Erfahrungen aus dem Nahen Osten, Asien und Afrika nicht an den Rand gedrängt werden.

Weibliche Genitalverstümmelung, Kinderehen und geschlechtsspezifische Gewalt müssten weiterhin ganz oben auf der internationalen Agenda stehen. Allerdings, so Elgibali, brauche jedes Land Antworten, die zu seinen jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen passen.

Bakhan Jamal von ADWI (links) and Isis Eligbali von Wadi (rechts)

Das bedeute nicht, auf internationale Zusammenarbeit zu verzichten. Im Gegenteil: Globale Solidarität sei unverzichtbar. Doch wirksame Veränderungen müssten vor allem dort entstehen, wo die Menschen selbst von den Problemen betroffen sind. Lokale Initiativen könnten glaubwürdiger und nachhaltiger handeln als allgemeine Botschaften, die von außen vorgegeben werden.

Globale Solidarität braucht starke lokale Stimmen. Dieser Gedanke prägte auch die Gespräche über die Zusammenarbeit zwischen Wadi und der britischen Organisation Orchid Project, die sich weltweit für die Beendigung weiblicher Genitalverstümmelung einsetzt.

Neue Partnerschaften

Die Partnerschaft hatte sich im Vorfeld der Konferenz Women Deliver 2026 in Melbourne angebahnt. Orchid Project war auf Wadi aufmerksam geworden, weil sich die Ziele beider Organisationen ergänzten: Orchid Project verfügt über internationale Netzwerke und eine große globale Reichweite, während Wadi auf mehr als 25 Jahre praktische Erfahrung im Nordirak zurückblicken kann.

Wadi hat in dieser Zeit Programme entwickelt und umgesetzt, die dazu beigetragen haben, weibliche Genitalverstümmelung im irakischen Kurdistan zurückzudrängen – und das in einem komplexen kulturellen und religiösen Umfeld.

Am 26. April 2026 wurde die Zusammenarbeit in Melbourne offiziell auf den Weg gebracht. Orchid Project organisierte dort unter dem Titel „United for Action: Global Solidarity to End FGM/C“ eine eintägige Veranstaltung im Vorfeld der Women-Deliver-Konferenz. Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Organisationen, Netzwerke und Institutionen diskutierten darüber, wie sich verbreitete Missverständnisse korrigieren und wirksame, wissenschaftlich fundierte Lösungen entwickeln lassen.

Ein Schwerpunkt lag auf Regionen, die in internationalen Diskussionen häufig übersehen werden. Dazu gehört auch der Nahe Osten, wo weibliche Genitalverstümmelung und Kinderehen trotz ihrer weitreichenden Folgen oft nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie benötigen.

Wadi machte bei den Gesprächen auf ein grundlegendes Problem aufmerksam: Kleine Nichtregierungsorganisationen und lokale Initiativen verfügen häufig nicht über die Mittel und Kontakte, um politische Entscheidungsträger auf nationaler oder internationaler Ebene zu erreichen. Auch Fördergelder sind schwer zu bekommen, wenn Geldgeber bestimmte Regionen nicht ausdrücklich als Schwerpunkt ihrer Arbeit benennen.

Orchid Project wiederum verwies auf die erheblichen Lücken in der globalen Datenlage und auf die Notwendigkeit, diese systematisch zu schließen. Die Verbindung aus lokalem Wissen und internationaler Reichweite könnte deshalb entscheidend dazu beitragen, bislang vernachlässigte Themen stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Bei der Veranstaltung in Melbourne nahm Isis Elgibali an einer Podiumsdiskussion teil. Mit ihr diskutierten Professorin Angela Dawson und Sean Callaghan, Forschungsleiter bei Orchid Project. Die Moderation übernahm Warda Warsame, Koordinatorin des End FGM Canada Network.

Für eine kleinere, an der Basis arbeitende Organisation wie Wadi ist dieser direkte Austausch von besonderem Wert. Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern großer Institutionen eröffnen Möglichkeiten, die sonst nur schwer zugänglich wären.

Die Begegnungen stärkten das gegenseitige Vertrauen und legten den Grundstein für die weitere Zusammenarbeit. Beim Treffen in Kenia konnte diese Partnerschaft nun vertieft werden. Wadi und Orchid Project hatten bereits gemeinsam an Forschungsprojekten und Veröffentlichungen gearbeitet. Die Konferenz bot ihnen die Möglichkeit, ihre Zusammenarbeit im Rahmen der neu belebten Kampagne „Stop FGM Middle East“ weiter auszubauen.

Wichtige Kontakte

Die offizielle Vorstellung der Kampagne in Kenia trug dazu bei, ihre Bekanntheit innerhalb des internationalen Netzwerks zu erhöhen. Wadi konnte die Situation im Nahen Osten unmittelbar mit Vertreterinnen und Vertretern internationaler Institutionen, darunter UNICEF und UNFPA, sowie mit Geldgebern und anderen regionalen Netzwerken diskutieren. Auch Kontakte zum „Asia Network to End FGM“ wurden vertieft.

Für eine kleinere, an der Basis arbeitende Organisation wie Wadi ist dieser direkte Austausch von besonderem Wert. Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern großer Institutionen eröffnen Möglichkeiten, die sonst nur schwer zugänglich wären. Aus den Begegnungen in Kenia sind bereits weiterführende Gespräche mit Regionalbüros über weibliche Genitalverstümmelung und Kinderehen im Nahen Osten entstanden.

Darüber hinaus ging es nicht nur um politische Forderungen und Forschung, sondern auch um ganz praktische Fragen: Wie lassen sich gemeinsame Herausforderungen bewältigen? Welche Erfahrungen können andere Organisationen weitergeben? Und wie kann die Zusammenarbeit über Länder- und Kontinentalgrenzen hinweg dauerhaft gestärkt werden?

Aus den Kontakten, die während der Veranstaltung entstanden, entwickelt Wadi inzwischen einen längerfristigen Wissensaustausch mit der kenianischen Organisation EmpowerNet.

Gemeinsam wollen die Organisationen unter anderem Männer und Jungen stärker in die Bewegung zur Beendigung weiblicher Genitalverstümmelung einbeziehen. Außerdem möchten sie die Bildungs- und wirtschaftlichen Möglichkeiten junger Frauen und Mädchen in abgelegenen Dörfern verbessern.

Die Zusammenarbeit beruht auf der Erkenntnis, dass die Herausforderungen im Nordirak und in ländlichen Gebieten Kenias trotz aller Unterschiede viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Der Austausch praktischer Erfahrungen kann deshalb beiden Seiten helfen, ihre Arbeit weiterzuentwickeln und neue Ansätze zu erproben.

Das „Justice for Girls“-Festival in Kenia hat gezeigt, wie viel internationale Zusammenarbeit bewirken kann, wenn lokale Erfahrungen ernst genommen und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden werden. Für Wadi war die Veranstaltung nicht nur eine Gelegenheit, die eigene Arbeit vorzustellen. Sie ermöglichte es der Organisation auch, neue Partner zu gewinnen, bestehende Beziehungen zu festigen und die Aufmerksamkeit auf eine Region zu lenken, die in der globalen Debatte über weibliche Genitalverstümmelung und Kinderehen noch immer zu wenig Beachtung findet.

Nachhaltige Veränderung braucht Vernetzung

Die zentrale Erkenntnis lautet: Nachhaltige Veränderungen entstehen weder allein durch Gesetze noch durch internationale Konferenzen. Sie brauchen Menschen, die sich vor Ort engagieren, verlässliche Unterstützung erhalten und ihre Erfahrungen mit anderen teilen können. Gleichzeitig braucht es internationale Netzwerke, die diesen Einsatz sichtbar machen, politische Veränderungen vorantreiben und lokale Initiativen langfristig stärken.

Nur wenn beides zusammenkommt, lässt sich das gemeinsame Ziel erreichen: eine Welt, in der Mädchen ohne Gewalt, Zwang und die Beschneidung ihrer Rechte aufwachsen können.

Die Teilnahme von Wadi am „Justice for Girls“-Treffen 2026 in Kenia wurde durch die Unterstützung von Orchid Project und Sahiyo ermöglicht.