Irakisch-Kurdistan: Alle fünf Tage eine getötete Frau

In der Region Irakisch-Kurdistan wird laut Statistiken durchschnittlich alle fünf Tage eine Frau getötet, was bei Frauenrechtsaktivisten große Besorgnis über die anhaltende Gewalt hervorruft.

Von Shada Basheer, Kirkuk Now, 09.03.2026

(Bild: Proteste gegen Gewalt an Frauen haben in Irakisch-Kurdistan eine lange Tradition. Kundgebung in Suelymaniah 2009, Bild: Wadi)

Im Laufe des Jahres 2025 dokumentierte March 8 Network, ein Zusammenschluss von Organisationen, die sich für die Verteidigung der Frauenrechte einsetzen, die Ermordung von neunundsechzig Frauen in der Region Irakisch-Kurdistan. In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres wurden weitere dreizehn Frauen ermordet, was einer Rate von etwa einer getöteten Frau alle fünf Tage entspricht. March 8 Network bezeichnet die Zahl als »schockierend«. Trotz wiederholter Beteuerungen von Vertretern der Regionalregierung Kurdistans (KRG), die Rechte der Frauen zu schützen und die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern, könne die Region noch nicht als sicheres Umfeld für Frauen angesehen werden.

Gefährliche Realität

Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, haben Aktivisten erneut auf diese Zahlen hingewiesen, die eine gefährliche Realität für Frauen in der Region Kurdistan widerspiegeln. »Diese Statistik ist zutiefst beunruhigend«, so die Frauenrechtsaktivistin Bahar Munzir. »Überall dort, wo Männer und Frauen keine gleichen Rechte genießen, sei es in wirtschaftlicher, politischer, sozialer, kultureller oder rechtlicher Hinsicht, gibt es weiterhin Diskriminierung und Frauen bezahlen dafür mit ihrem Leben.«

Viele dieser Morde würden mit der Stammesmentalität zusammenhängen, die Gewalt gegen Frauen rechtfertigt, insbesondere in Fällen, die als »Ehrenmorde« bezeichnet werden, meint Munzir, und das Fehlen einer umfassenden Strategie zur Bekämpfung solcher Verbrechen nach wie vor ein großes Problem: »Diese Themen werden oft nur oberflächlich diskutiert. Es wurden viele Anstrengungen unternommen, aber sie waren nicht wirksam, weil es soziale und strukturelle Hindernisse gibt, die echte Fortschritte verhindern.«

Munzir kritisierte auch die in und zwischen den Stämmen zum Einsatz kommenden außergerichtlichen Versöhnungen zur Lösung von Fällen, in denen Frauen getötet wurden. Solche Einigungen können sogar Gerichtsverfahren behindern und verunmöglichen so das Erzielen von Gerechtigkeit für die Opfer, insbesondere, wenn der Angeklagte einem mächtigen Stamm angehört oder politische Unterstützung genießt.

(Bild: Kundgebung in Suleymaniah zum 8. März, Quelle: Kirkuk Now)

 

Die Rechtsanwältin und Frauenrechtsaktivistin Gasha Dara Hafid betonte, dass Strafen dazu dienen sollen, Verbrechen zu verhindern. Wird das Gesetz aber nicht gleichmäßig angewendet, gehe die Gewalt weiter. »Eine der größten Herausforderungen für die Regierungsführung in der Region Kurdistan ist die Straflosigkeit. Dabei sind Frauen diejenigen, die am meisten unter diesem Problem leiden.« Der politische Schutz für Täter, insbesondere in Fällen von Gewalt gegen Frauen, ermutige zu weiteren Verbrechen. »Wenn Kriminelle ihrer Verantwortung entgehen, sendet dies das Signal aus, dass solche Taten wiederholt werden können.«

Auch ehemalige Mitglieder des kurdischen Parlaments haben Bedenken hinsichtlich der Lücken in der Gesetzgebung und deren Durchsetzung geäußert. In früheren Legislaturperioden drängten die Abgeordneten darauf, dass Personen, die wegen Mordes an Frauen verurteilt wurden, nicht von allgemeinen Amnestiegesetzen profitieren sollten.

Die Rechtsanwältin und Aktivistin Razaw Gule stimmte der Kritik zu, dass eine schwache legislative Kontrolle zu dem Problem beiträgt. So sei das Parlament nicht in der Lage gewesen, Gesetze ausreichend anzupassen bzw. zu novellieren oder deren Umsetzung wirksam zu überwachen. »Wenn eine gesetzgebende Institution die Täter nicht angemessen zur Rechenschaft ziehen kann, trägt dies unweigerlich zu einer Zunahme der Tötungen bei.«

In den letzten vier Jahren hat die Regionalregierung Kurdistans Berichten zufolge die für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zuständigen Behörden angewiesen, keine Statistiken über Tötungsdelikte zu veröffentlichen. 

Gule merkte an, dass die Region Irakisch-Kurdistan in der Vergangenheit versucht habe, auf internationaler Ebene Fortschritte beim Schutz der Frauenrechte zu demonstrieren. Infolgedessen wurden mehrere Rechtsreformen durchgeführt, darunter Änderungen des Personenstandsgesetzes und ein Gesetz zur Bekämpfung häuslicher Gewalt. Trotz dieser Maßnahmen gehen die Tötungen von Frauen weiter.

Hindernisse

In den letzten vier Jahren hat die Regionalregierung Kurdistans Berichten zufolge die für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zuständigen Behörden angewiesen, keine Statistiken über Tötungsdelikte zu veröffentlichen. Dementsprechend ist es nicht möglich, aktuelle offizielle Zahlen zu erhalten. Die letzten bestätigten Zahlen, die von der Behörde zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen veröffentlicht wurden, belaufen sich laut verschiedenen Regierungsquellen auf vierundvierzig getötete Frauen im Jahr 2022 und mindestens dreißig im Jahr 2023.

Khanzad Ahmad vom Hohen Rat der Frauen, einer dem Ministerrat angegliederten Institution, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt, bekräftigte das Engagement der Regierung für das Anliegen des Internationalen Frauentags der Vereinten Nationen: Rechte, Gerechtigkeit und Handeln. Die KRG wolle Frauen Zugang zu Bildung, Beschäftigungsmöglichkeiten, finanzielle Ressourcen und sichere Arbeitsbedingungen gewährleisten. Ahmad betonte, dass zur Erreichung von Gerechtigkeit auch die Schließung von Gesetzeslücken und die ordnungsgemäße Durchsetzung bestehender Gesetze erforderlich seien.

Im Jahr 2025 forderten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Unabhängige Menschenrechtskommission Einschränkungen bei der Veröffentlichung von Fällen, die Frauenmorde betreffen. Im September erließ der Ministerrat eine Richtlinie, in der Ministerien und Institutionen angewiesen wurden, solche Vorfälle nicht zu veröffentlichen bzw. über sie zu berichten. Einige Aktivisten befürchten, diese Maßnahmen könnten dazu führen, dass Fälle von Gewalt gegen Frauen weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhalten.

Doch die Tötung von Frauen dürfe von den Medien nicht ignoriert werden, betont Medienanalyst Arsalan Rahman, laut dem Journalisten eine spezielle Ausbildung benötigen, wenn sie über geschlechtsspezifische Gewalt berichten. »Die Gesellschaft muss sich bewusst sein, was um sie herum geschieht. Das Verschweigen von Gewalt kann Bedingungen schaffen, die es ermöglichen, dass sie weitergeht.« Die kurdischen Medien hätten noch keine wirksamen Ansätze für die Berichterstattung entwickelt, die das Bewusstsein schärfen und dazu beitragen, weitere Gewalt zu verhindern.

Dilsoz Zangana, Direktorin der Dabin-Organisation für Frauenrechte, ist der Meinung, dass auch zivilgesellschaftliche Gruppen ihre Strategien überdenken müssen: »Seit Jahren fordern wir ein Ende der Tötung von Frauen, doch die Resonanz ist begrenzt.«

Wie Frauenrechtsaktivistin Bahar Munzir betont, spiele die Bildung eine entscheidende Rolle bei der Prägung der Einstellung gegenüber Frauen, weshalb Kindern und Jugendlichen ein respektvolles und humanes Verständnis von Frauen vermittelt werden sollte. »Frauenfragen sollten in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden. Ich ermutige auch Frauenorganisationen, neue Strategien zu verfolgen, die eine breitere Unterstützung für Frauenrechte gewinnen, da sie der zunehmenden Gewalt gegen Frauen nicht alleine begegnen können.«

Der Text erschien auf Englisch zuerst bei KirkukNow. (Übersetzung von Alexander Gruber für Mena-Watch.)