Interview mit Wadi-Mitarbeiterinnen über die „No-to-Violence-Kampagne“ in Garmyan

Im November 2017 startete Wadi die „No to Violence“-Kampagne in Garmyan, die sich an Schulen, Lehrer, Eltern und Schüler richtet. Die Kampagne zielt darauf ab, Gewalt an Schulen einzudämmen und zu beenden – Teil dessen ist auch die Verbesserung der pädagogischen Fähigkeiten von Lehrern gegenüber Schülern in Zusammenarbeit mit Lehrern und Eltern. Zudem werden Aufklärungsseminare sowie Rechts- und Sozialberatung für Frauen und Männer in Dörfern angeboten.

Die Kampagne begann im kleinen Rahmen mit dem Ziel, landesweit Bewusstsein und Unterstützung für das Vorhaben zu erlangen. Mobile Teams waren vor Ort bereits im Einsatz und die Idee echter, effektiver und nachhaltiger Veränderungen und Verbesserungen war entstanden. Die täglichen Aktivitäten der Kampagne können auf der Facebook-Homepage verfolgt werden.

Auch das Spielbus-Projekt ist Teil der Kampagne. Der Zugang zu Kindern soll dadurch erleichtert werden. Zudem ist es auf diese Weise möglich, den Kindern altersgerechte Unterhaltung und grundlegende Hygienekenntnisse zu vermitteln.

Bislang hat unser Team in Garmyan 25 Schulen besucht, 192 Lehrerinnen und Lehrer getroffen und 383 Kinder auf die Kampagne aufmerksam gemacht.

Im Folgenden handelt es sich um ein Interview von Wadi-Mitarbeiterin Shokh Mohammad mit Layla Ahmed und Khalat Salih, die beide dem Wadi-Team in Garmyan angehören und über ihre Erfahrungen berichten:

Welche Reaktionen habt ihr erwartet, als die „No to Violence-Kampagne“ begann?

Khalat Salih: Aus meiner Sicht ist diese Kampagne ein Funken Licht in der Dunkelheit, bei der die Frage gestellt wird: „Erziehen wir unsere Kinder richtig?“ Natürlich war es anfänglich schwer. In unseren Seminaren erzählten uns Leute: „Es ist okay Kinder zu schlagen; es ist nichts Bedeutsames“.

Layla Ahmed: Es gab da auf jeden Fall unterschiedliche Positionen. Viele begrüßten die Kampagne, weil sie Bildung für Kinder in den Vordergrund rückt. Familien verstanden, dass Kinder keiner Gewalt ausgesetzt sein sollten, weshalb sie die Kampagne unterstützten. Später bezogen wir auch die Medien mit ein, um die Botschaft der Kampagne weiterzutragen und dazu beizutragen, Gewalt in Familien zu reduzieren – nicht nur in Garmyan, sondern überall lautete die Botschaft: „Kinder sollten weder in der Schule noch zuhause Gewalt ausgesetzt sein“.

Welche Auswirkungen von Gewalt konntet Ihr während Eurer Arbeit beobachten?

Khalat Salih: Wir bemerkten eine sehr negative Beeinträchtigung der Kinder. Sie waren niedergeschlagen, aggressiv – was alarmierend ist – und schwammen in der Schule bloß mit dem Strom. Zuhause gibt es keine (alternative) Weise, Kinder zu erziehen. Eltern normalisieren das Schlagen ihrer Kinder, was aus unserer Sicht ein großes Problem ist.

Layla Ahmed: Wir haben Gewalt von Lehrern erlebt: verbal, physisch und emotional. Und die Kinder erfahren die selbe Gewalt auch zuhause. Dadurch entsteht bei ihnen ein emotionaler Riss.

Könnt Ihr uns erzählen, welchen Wert Erlebnisse wie Euer Spielbus für Kinder haben?

Layla Ahmed: Bei unserer Arbeit merken wir, dass Kinder sich nach Liebe vonseiten ihrer Familien sehnen. Wenn wir ihnen über ihre Rechte erzählen, fragen sie uns: „Warum behandelt mich meine Familie nicht so?“

Khalat Salih: Wir widmen den Kindern Zeit. Das ist so wichtig, weil 90 % der Kinder diese weder von ihrer Familie noch von ihren Lehrern bekommen. Es gibt wenig Kommunikation innerhalb der Familien; vor allem Kindern hört man nicht zu. Dieser Stellenwert wird Kindern nicht eingeräumt. Und dies führt zu einem großen emotionalen Riss im Leben der Kinder. Die meisten Kindern sind überrascht und freuen sich darüber, wie wir sie behandeln. Sie fragen: „Wollt ihr wirklich mit uns spielen?“ Kindern wird der Eindruck vermittelt, dass sie Sklaven ihrer Eltern sind, nicht deren Freunde. Sie umarmen uns feste, was uns zeigt, wie bedürftig sie nach Aufmerksamkeit und Liebe sind.

Wie könnte man ein Umdenken im Umgang mit Kindern Eurer Meinung nach befördern?

Layla Ahmed: Wir glauben, dass jeder über seine Rechte und die Einforderung ebendieser Bescheid wissen sollte. Viele Frauen erzählen, dass sie neben der Gewalt, die sie erfahren, von ihren Ehemännern auch zum Sex gezwungen werden. Diese Frauen glauben, dass ihre Männer sie tatsächlich besitzen und sie kein Recht haben, „Nein“ zu sagen. Wir müssen weiterhin an der Abschaffung von geschlechtsspezifischer Diskriminierung arbeiten, damit diese Auseinandersetzung nicht mehr unser ganzes Leben bestimmt.

Khalat Salih: Das bezieht sich auf Individuen: Religion darf nicht mehr unsere Persönlichkeit rauben, auch sollte die Kultur nicht unsere Ideen und unsere Lebensweise bestimmen. Auf individueller Ebene bedarf es einer Revolution, die es Menschen erlaubt, ihren Partner/ihre Partnerin frei zu wählen. Vor der Hochzeit und dem Standesamt sollten Paare sich über ihre gegenseitigen Rechte und Pflichten verständigen, an Aufklärungsseminaren über das Eheleben teilnehmen. Sie müssen Entscheidungen gemeinsam treffen und Kinder gemeinsam erziehen. Auch Teenagern ist es nicht erlaubt, sich selbst zu bestimmten. Stattdessen ist der Einfluss von Eltern, Kultur und Religion sehr hoch.

Welche Probleme habt ihr als weibliche Teams bei der Arbeit in diesem Bereich?

Layla Ahmed: Es war für uns als Frauen schwer, weil das Sprechen über Genitalverstümmelung bei Frauen (FGM) für die Leute sehr schambesetzt war. Wir wurden von Frauen und Männern gemeinsam angegriffen – sie hatten ein schlechtes Bild von uns. Wir blieben aber hartnäckig und konnten viele davon überzeugen, dass es uns um Aufklärung geht. Mittlerweile lassen sie sogar ihre Söhne und Töchter das tun, was wir tun.

Khalat Salih: In Garmyan betrachtet man eine Frau, die frei leben und arbeiten möchte, normalerweise als Gefahr. In den Dörfern trafen wir oft auf diese Wahrnehmung: Männer hatten Angst davor, dass ihre Frauen sich emanzipieren könnten. Mittlerweile kennen sie ihre Rechte und sind keine Sklavinnen mehr.

Neben dem Aufklärungsprogramm organisiert Ihr zusätzlich auch Veranstaltungen über Umweltfragen sowie Aktivitäten für Kinder und Erwachsene. Lassen sich dort Effekte beobachten?

Layla Ahmed: Kinder haben eine gute Auffassungsgabe. Sie wissen, dass sie mit der Umwelt und Tieren gewaltfrei umgehen müssen und dass auch Tiere Rechte haben. Mit den Familien sprachen wir über die Vorteile von Pflanzen und Bäumen und pflanzten viele Bäume. Wir halfen ihnen mehr davon zu verstehen. Sie wissen, dass Menschen mit Bäumen, Pflanzen und der Natur zusammenleben müssen.

Khalat Salih: Garmyan ist eine trockene und heiße Region. Als wir Bäume pflanzten und die Jugendlichen sich daran beteiligten, begannen sie dies wertzuschätzen. Mittlerweile fragen sie sogar danach. Neben dem Pflanzen der Bäume muss auch die Umwelt sauber gehalten werden. Wenn jemand Müll vom Boden aufhebt und ihn in den Mülleimer wirft, beeinflusst sie/er dadurch andere. Diesen Mechanismus haben die Menschen verstanden.

Letzte Frage: Was ist Eure Botschaft/Euer Vorschlag an das Bildungsministerium und seine Direktoren, um zukünftig Gewalt in Schulen zu erkennen?

Layla Ahmed: Als NGO müssen wir uns mit den zuständigen Direktoren koordinieren, ihnen berichten und sie müssen die Sache weiterverfolgen. Gewalttätiges Verhalten muss gemeldet werden, um mit Lehrern und Eltern arbeiten zu können. Außerdem müssen Medien involviert werden, um mehr Bewusstsein zu schaffen. Diese Themen müssen in das offizielle Curriculum aufgenommen werden: Umweltschutz, Kinderrechte, Gesetze und das Ende von Gewalt.

Khalat Salih: Als erstes bräuchte es eine Versöhnung zwischen den Behörden und den Lehrern. Zurzeit besteht ein Kommunikationsproblem. Das wäre essenziell. Zudem ist ein Curriculum vonnöten, das sich auf die Erziehung von Kindern und deren Rechte bezieht. Dabei geht es auch um einen altersgerechten Umgang mit Kindern. Regelmäßige Aufklärungsseminare sollten angeboten werden, ebenso Eltern-Lehrer-Treffen. Schließlich hoffen wir darauf, dass die Behörden den NGO’s helfen, den Schülerinnen und Schülern wenigstens Zugang zu aufklärenden Flugblättern zu verschaffen. Denn viele Fälle von Gewalt passieren auch innerhalb der Schulen.