Patriarchaler Kontrolle entkommen – Der Kampf für reproduktive Gesundheit im Nordirak

Wie bekämpft man die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung? Der Verein WADI führt dafür seit vielen Jahren communitybasierte Projekte durch, um Frauen und ihre reproduktive Gesundheit in den kurdischen Gebieten des Nordiraks zu unterstützen. Damit soll nicht zuletzt die Stellung der Frau und das Zusammenleben in der Gesellschaft verändert werden.

Von Isis Eligibali, iz3w vom 18.08.2025

(Frauen in einem kurdischen Dorf in einem Seminar über FGM, Bild: Wadi e. V.)

Der Zugang zu Informationen über reproduktive Gesundheit ist im Nordirak sehr begrenzt. Mit WADI e.V. besuchen wir deshalb seit über 25 Jahren Dörfer, Kleinstädte und Städte in der Region und machen Infoveranstaltungen. Bei diesen Begegnungen haben wir Einblick in das verborgene Leid von Tausenden von Frauen bekommen. Sie führten uns vor Augen, wie schlecht es um die Bildung von Frauen und ihre körperliche Selbstbestimmung bestellt ist.

Die Schichten patriarchaler Unterdrückung, denen Frauen dort unterworfen sind, entblätterten sich uns wie die Schichten einer Zwiebel: der gesellschaftliche Druck, die totale Kontrolle über den Körper von Frauen, die bei einigen Mädchen bereits in der Kindheit mit der gewaltsamen Beschneidung der Klitoris durch weibliche Genitalverstümmelung beginnt. Diese auch FGM (female genital mutilation) genannte Beschneidung weiblicher Genitalien wird aus Traditionalismus ohne medizinische Indikation gegen Mädchen durchgesetzt. Sie kann schwere körperliche und psychische Schäden nach sich ziehen und führt in häufigen Fällen zum Tod. Daneben registrierten wir noch viele andere Formen der Gewalt gegen Frauen.

Viele Frauen brauchen emotionale Unterstützung, haben Bedarf an Bildungsangeboten, wollen Aufklärung im Bereich sexuelle und reproduktive Gesundheit oder Unterstützung in Fällen von häuslicher Gewalt.

Patriarchale Kontrolle begleitet Frauen ihr ganzes Leben lang. Sie kommt etwa in Form von Kleidervorschriften daher, auch die Schulbildung ist davon durchdrungen. Frauen müssen früh heiraten oder werden zwangsverheiratet. Sie müssen häufig ihre Ausbildungen abbrechen, haben keinen Zugang zu Informationen zu Themen wie Gesundheit und sexueller Bildung, werden früh schwanger, haben keinen Zugang zu Instrumenten der Familienplanung und sind nur selten finanziell unabhängig. Die einschneidenden Auswirkungen dieser Kontrolle und die fehlenden Möglichkeiten, sich daraus zu befreien, beschlossen wir zu unserem Arbeitsfeld zu machen. Dafür mussten wir uns mit der Lebensrealität der Frauen in der Region konfrontieren. So berichtete uns eine 49-jährige Frau: »Wir waren sechs Schwestern. Mein Vater drohte meiner Mutter immer, uns zu verstümmeln, und weigerte sich, etwas aus unseren Händen zu essen, bis wir verstümmelt waren – weil unbeschnittene Frauen als schmutzig gelten. Also verstümmelte meine Mutter uns eines Tages alle zusammen. Ich versuchte zu fliehen, doch mein Vater sagte, er würde mich töten, wenn ich mich wehren sollte, und dass mich niemand heiraten werde. Ich war damals acht Jahre alt.«

Seit 25 Jahren durchkämmen nun Zweierteams aus Sozialarbeiterinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Ärztinnen die Region im Nordirak. Sie engagieren sich, tauschen sich aus, klären auf, sprechen mit Frauen und hören ihnen zu. Dabei entwickelten sie Programme, die sich an den persönlichen Bedürfnissen der Frauen orientieren und sie dabei unterstützen, einen neuen Weg für sich und ihre Töchter einzuschlagen. Viele von ihnen brauchen emotionale Unterstützung, haben Bedarf an Bildungsangeboten, wollen Aufklärung im Bereich sexuelle und reproduktive Gesundheit oder Unterstützung in Fällen von häuslicher Gewalt. Sie sind in einer sehr patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen, in der von Frauen erwartet wird, andere (meist Männer) an die erste Stelle zu setzen. Viele von ihnen sprachen mit uns über Gefühle der Isolation und Hoffnungslosigkeit.

Ein liberaleres Klima

Unsere Arbeit können wir hier vor allem deshalb leisten, weil nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 ein besonderes politisches Klima im Irak entstanden ist. Durch das Ende der Diktatur und den Status der Kurd*innen als unterdrückte Minderheit geht es vor allem im Norden des Irak liberaler zu als in anderen Staaten der Region. Neben Seminaren zu Frauengesundheit bietet WADI auch Kurse an, durch die Frauen finanzielle Unabhängigkeit entwickeln, etwa durch Nähen, Lesen und Schreiben, Friseurhandwerk und andere Fähigkeiten, die sie auf dem Arbeitsmarkt einsetzen können. Der Ansatz ist zweigleisig, weil hier auch mit Männern gearbeitet wird. Wir treten mit den Männern in Kontakt, vermitteln Techniken der gewaltfreien Kommunikation und versuchen so einen langfristigen sozialen Wandel hinsichtlich der Stellung der Frauen in ihren Communities zu bewirken.

Reproduktive Gesundheit und Gerechtigkeit sind mit all diesen Themen verwoben, deshalb kann das eine nie ohne das andere behandelt werden. In den Kursen sprechen die leitenden Zweierteams über ihre eigenen Erfahrungen und die von Frauen aus ihrem Umfeld. Auch die Teilnehmenden können ihre Geschichten teilen. Über weibliche Genitalverstümmelung/FGM sprechen sie dann oft im größeren Kontext von Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Die Erkenntnis, dass FGM eine schwere Form häuslicher und sexueller Gewalt gegen Mädchen ist und keine religiöse Vorschrift, ist ein wichtiger Teil der Argumentation gegenüber den Teilnehmerinnen dafür, warum diese Praxis beendet werden muss.

Mythen, Fehlinformationen und Ängste

Viele kulturelle Stereotype und individuelle Ängste ranken sich um FGM, und diese müssen alle einzeln diskutiert, entmystifiziert und widerlegt werden. So wird etwa häufig argumentiert, dass Frauen, die nicht beschnitten sind, »unrein, unattraktiv und unanständig” seien. Frauen äußern auch die Befürchtung, dass niemand ihre Töchter heiraten würde, wenn sie nicht beschnitten seien. Andere Frauen wiederum äußern die begründete Angst, dass ihre Ehemänner sich eine zweite Frau nehmen könnten, die nicht beschnitten ist, weil sie selbst aufgrund ihrer Beschneidung an sexuellen Problemen litten.

In den Sitzungen zum Thema Frauengesundheit wurden wir immer wieder mit einem dringenden Bedürfnis konfrontiert: Es ging darum, Frauen, die genital verstümmelt wurden, langfristig zu unterstützen. Dabei geht es nicht nur darum, ihnen Zugang zu den neuesten medizinischen Techniken oder zu psychosozialer Unterstützung zu verschaffen, sondern auch darum, ihnen zu ermöglichen, ihr Leben neu aufzubauen. Eine Teilnehmerin erzählte uns: »Früher dachte ich, ich sei die Einzige, die verstümmelt ist, und dass etwas mit mir nicht stimmt, weil ich kein sexuelles Verlangen habe. Ich schämte mich und fühlte mich schuldig.«

Aufklärung im Verborgenen

Aus diesen Erfahrungen heraus arbeitet WADI auch anderweitig mit Überlebenden von FGM, die Therapeut*innen haben dafür Schulungen von Trauma-Spezialist*innen erhalten. Wir öffnen dabei Räume, in denen Frauen Selbstbewusstsein finden, Selbstermächtigung üben und ihr Gemeinschaftsgefühl zurückgewinnen können. Anfangs fand diese Arbeit ganz im Verborgenen statt. Die Sitzungen wurden im vertraulichen Setting mit Unterstützung von Therapeut*innen abgehalten. Sie funktionierten nach ähnlichen Prinzipien wie die Anonymen Alkoholiker: Alles, was geteilt wird, wird vertraulich behandelt und die Sitzungen sind nicht öffentlich annonciert. Seit 2019 wird dieser Ansatz nun im irakischen Kurdistan praktiziert, doch inzwischen gibt es ihn auch in Diaspora-Communities in Europa und in Communities in Afrika. WADI arbeitet daran, aus den Verfahren, die sich in diesen Communities über die Zeit bewährt haben, wirksame Strategien zu entwickeln.

Daraus entwickelte sich ein Pilotprojekt namens »Leben mit FGM«. Es bleibt den klandestinen Wurzeln treu, denn FGM ist nach wie vor ein heikles Thema und die Sicherheit der Teilnehmer*innen und Teams hat höchste Priorität. Eine engagierte Gruppe von Sozialarbeiter*innen erhielt dafür eine intensive, spezialisierte Ausbildung von einer Reihe von Expert*innen aus den Feldern sexuelle Traumata, der Wiederherstellung der sexuellen Funktionen nach FGM, sexuelle Gesundheit und anderen Fachgebieten, in denen es um psychosoziale Unterstützung geht. In den Regionen, in denen das Projekt umgesetzt wurde, wird FGM heute weitgehend nicht mehr praktiziert. Das gilt insbesondere in der Stadt Halabja und der Provinz Garmiyan im Osten des kurdischen Nordiraks, nahe der Grenze zum Iran. Dort hatten Teilnehmer*innen, hauptsächlich Frauen, proaktiv weitere Hilfe gesucht, die schon an vorherigen Projekten von WADI teilgenommen hatten. Sie waren dadurch bereit, sich in einem besonderen Ausmaß zu engagieren. Während des gesamten Projekts wurde ein sensibles Gleichgewicht gewahrt: Es ging darum, den sehr realen und unmittelbaren Bedürfnissen von Frauen gerecht zu werden, die mit den Folgen von FGM leben. Gleichzeitig galt es sicherzustellen, dass diese Bemühungen in keiner Weise den Eindruck erweckten, dass wir die Praxis der FGM duldeten oder gar die gefährliche Botschaft vermittelten, dass es nicht so schlimm sei, wenn man seine Töchter verstümmelte, weil es ja Bewältigungsstrategien gebe. Unsere unerschütterliche Haltung gegen FGM blieb oberstes Gebot.

Die Teilnehmerinnen erkannten, dass ihr individueller Schmerz Teil eines größeren, systemischen Problems war – und nicht ihr persönliches Versagen.

Die Sitzungen selbst waren, wie erwartet, eine große Herausforderung. Die Teilnehmerinnen kamen mit einer schweren Last im Gepäck – jahrelanges Leben mit körperlichen und seelischen Schmerzen, tiefsitzender Wut auf ihre Mütter, die ihnen diese brutale Praxis aufgezwungen hatten, und oft auch anhaltendem Groll gegenüber ihren Ehemännern wegen des schmerzhaften oder unbefriedigenden Sexuallebens, das sie aufgrund der FGM erdulden mussten. Doch im Rahmen dieser gemeinsamen Verletzungen entfaltete sich ein bemerkenswerter Heilungsprozess. Trotz der schmerzhaften Prozesse wurden diese Sitzungen zu Orten der Hoffnung und Transformation. Indem die Frauen ihre Geschichten erzählten, kam es zu einem Aha-Erlebnis: Sie waren nicht allein. Durch die gemeinsame Erfahrung konnten Isolation und Scham langsam abgebaut werden. Die Teilnehmerinnen erkannten, dass ihr individueller Schmerz Teil eines größeren, systemischen Problems war – und nicht ihr persönliches Versagen. Dieses Verständnis ist der erste Schritt, um die körperliche Autonomie zurückzugewinnen und die gesellschaftlichen Normen zu diskutieren, die das Leben der Frauen bis dahin bestimmt hatten.

Autonomie durch geteilte Geschichten

Dass FGM in einigen Dörfern mittlerweile weitgehend aufgegeben wurde, ist das Ergebnis jahrelanger Aufklärungsarbeit. Entscheidend war, dass wir nie aufgehört haben, Aufklärungsseminare zur Bekämpfung von FGM abzuhalten, und zwar in der gesamten kurdischen Region des Irak. Und es bedeutet viel mehr als das Verschwinden einer schädlichen Praxis – nämlich eine grundlegende Veränderung der sozialen Wahrnehmung und des Miteinanders. Die Communities beginnen zu verstehen, welche verheerenden Auswirkungen FGM auf das körperliche und psychische Wohlbefinden von Frauen hat, und dieses Verständnis führt langsam, aber sicher zu einer neuen Realität für die jüngeren Generationen.

Auch wenn der Fortschritt unbestreitbar ist, gibt es noch einen weiten Weg zu gehen.

Eine 39-jährige Teilnehmerin berichtete: »Seit ich davon erfahren habe, fühle ich mich viel besser. Zuvor empfand ich viel Selbstmitleid und mein Mann war unzufrieden mit mir. Doch nachdem ich erfahren habe, dass ich nicht die Einzige bin und dass es Hoffnung für verstümmelte Frauen wie mich gibt, habe ich mit meinem Mann darüber gesprochen. Jetzt ist er beim Sex viel hilfsbereiter. Ich rate allen, offen über ihre sexuellen Probleme zu sprechen, denn es ist keine Schande, etwas nicht zu wissen.«

Resilienz und Mut

Auch wenn der Fortschritt unbestreitbar ist, gibt es noch einen weiten Weg zu gehen. Die tief verwurzelten patriarchalen Strukturen und kulturellen Traditionen, die Praktiken wie FGM bisher aufrechterhalten haben, verschwinden nicht über Nacht. Und während FGM als Praxis zurückgeht, gibt es einen gleichzeitigen Anstieg der Zwangsheiraten von Kindern, da die wirtschaftliche Lage in ländlichen Gebieten schwieriger wird.

Die Widerstandsfähigkeit und der Mut der Frauen, die an den Sitzungen teilnehmen, bieten zusammen mit dem Engagement der Teams eine hoffnungsvolle Vision für die Zukunft an. Indem wir sichere Räume für Heilung, Bildung und Empowerment schaffen, behandeln wir nicht nur die Symptome der Unterdrückung, sondern arbeiten aktiv daran, ihre Grundlagen zu beseitigen: Gespräch für Gespräch, Geschichte für Geschichte, eine empowerte Frau nach der anderen. Diese stille Welle der Veränderung ist bereits im Gange, sie wird in vertraulichen Gesprächen mit Flüsterstimmen bestärkt und findet ihren Widerhall in den sich verändernden Community-Normen.

Isis Elgibali arbeitet im Bereich Projektkoordination bei WADI e.V. Mehr Infos zu den Projekten gibt es unter https://wadi-online.de/

Übersetzt aus dem Englischen von Kathi King.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in iz3w 410 September/ Oktober 2025