Werden Teile des Iraks bald unbewohnbar?

Der Irak gilt als eines der Länder, das weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffen ist: Temperaturen jenseits der Vierzig-Grad-Marke sind dort Anfang Juni schon keine Seltenheit mehr.

Von Thomas von der Osten-Sacken, Mena-Watch, 12.06.2026

(Bild: Wettervorhersage für Erbil, Quelle: Thomas v. der Osten-Sacken)

Laut Wettervorhersage knackte das Thermometer am 10. Juni 2026 um zehn Uhr morgens in Bagdad die Vierzig-Grad-Marke und stieg dann gegen Mittag auf 44 Grad. Da hatten wir es hier in Irakisch-Kurdistan besser, denn für Erbil waren nur 41 Grad Höchsttemperatur angekündigt. Früher war der Juni noch der letzte »kühle« Monat im Irak, erst im Juli und August wurde es unerträglich heiß. Inzwischen sind vierzig Grad Anfang Mai keine Seltenheit mehr – und es wird Jahr für Jahr übler.

Ich erinnere mich noch gut an die frühen 1990er Jahre im Nordirak, als in Sulaimaniyya im August 35 Grad als extrem heiß wahrgenommen wurden. Die werden inzwischen selbst hier, auf sechshundert Meter Höhe, spätestens im Mai erreicht. Noch übler steht es um den Südirak. In Basra sind Temperaturen über fünfzig Grad im Sommer inzwischen fast die Regel.

In den dicht bebauten Städten, für die der Begriff »Betonwüste« absolut zutreffend ist, staut sich die Hitze auch noch, vermischt sich mit Abgasen und es kühlt über Nacht kaum ab. Dort ist ein normales Leben im Sommer kaum noch möglich. Es kommt zu immer mehr hitzebedingten Einweisungen in Krankenhäuser und auch zu Todesfällen.

Eine Besserung ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil erhitzt sich das Land exponentiell weiter, da große Teile desertifizieren und es immer öfter zu Waldbränden kommt. Inzwischen gelten Bagdad und Basra als zwei der heißesten Millionenstädte auf der Welt. Der Irak ist seit längerem schon als eines der zehn am schlimmsten vom Klimawandel betroffenen Länder klassifiziert. Dazu schreibt Lemma Shehadi in The National

»Einst wurden Basra und Bagdad durch die Flüsse Tigris und Euphrat (die sich in Basra zum Schatt al-Arab vereinen) und die umliegenden Palmenhaine angenehm gekühlt. Doch heute sind ihre Bewohner in den heißesten Monaten unter anderem Hitzschlag, Bränden und Dürren ausgesetzt. Laut einer Studie der Universität Oxford, in der 205 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern untersucht wurden, sind die Bewohner der südlichen Stadt Basra die Menschen weltweit, die am stärksten von steigenden Temperaturen bedroht sind.«

Die Zeit drängt

Sollte dieser Entwicklung kein Einhalt geboten werden, könnte Basra Experten zufolge bald unbewohnbar werden. Schon jetzt erwerben wohlhabendere Bewohner der Stadt Immobilien etwa im kurdischen Erbil, wo es im Durchschnitt immerhin zehn Grad kühler ist. Aber der Irak, große Teile des Irans und Syriens zählen zu den Regionen, die von Klimawandel und Ressourcenverschwendung so betroffen sind, dass es in der Tat bald zu einem Exodus kommen könnte, vor dem etwa das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR schon länger warnt.

Darüber hinaus lebt ein Großteil der Bewohner Basras in Armut und verfügt nicht über die Ressourcen, im Sommer in den Nordirak auszuweichen. Sie trifft die Hitze zugleich besonders, denn sie können sich weder teure Airconditioner leisten noch ihre Behausungen dämmen. Damit teilen sie das Schicksal der Mehrheit jener, die besonders von der Hitze betroffen sind. Fast alle Millionenstädte, die in der Studie Erwähnung finden, liegen im so genannten globalen Süden und gehören, mit Ausnahme der reichen Golfstaaten, zu den ärmeren oder ganz armen Ländern dieser Welt.

Zwar sind inzwischen die meisten Iraker sensibilisiert und zumindest in Sonntagsreden betonen Politiker, wie wichtig Klima- und Wasserschutz sind – passieren tut allerdings wenig. Die Elektrizitätsversorgung in einem Land, das ideal für Solaranlagen wäre, ist nach wie vor von Ölkraftwerken abhängig, sofern sie nicht von Staudämmen, die den Wassermangel oft noch verstärken, gedeckt ist. Öffentlicher Nahverkehr ist kaum ausgebaut und Jahr für Jahr nimmt die Zahl neu angemeldeter PKW zu.

Sicher, die Ursachen für die Hitze liegen nur zu einem geringen Teil im Land selbst, aber Maßnahmen zu stärkerer Resilienz stecken bis heute in den Kinderschuhen. Und es bleibt nur wenig Zeit. Denn laut wissenschaftlichen Studien sind eigentlich schon Temperaturen von über 35 Grad über längere Zeiträume für Menschen kaum zu überstehen. Offiziell gilt 43 Grad als eine Art Grenzwert, also jene Temperaturen, die im Irak inzwischen spätestens Ende Mai oder Anfang Juni erreicht werden.