Kampagne gegen Gewalt in Schulen und Familien

Gewalt gegen Kinder in den Schulen und innerhalb der Familien ist im gesamten Nahen und Mittleren Osten weit verbreitet, aber bislang kaum öffentlich diskutiert. Diese alltägliche Gewalt verletzt Kinder an Körper und Seele. Sie kommt in ganz verschiedenen Formen daher, doch die Auffassungen, die das möglich machen, gleichen sich oft: Gewalt wird immer wieder als einziger Weg gesehen, um sich vor Kindern Respekt zu verschaffen und Autorität auszuüben. Zusammen mit lokalen Partnern hat WADI deshalb bereits 2017 eine Anti-Gewalt-Kampagne ausgerufen. Seitdem wurden in der gesamten Region Tausende von Aufklärungsveranstaltungen und Gesprächskreisen in Hunderten von Dörfern und Schulen durchgeführt. 16 Dörfer und 17 Schulen erklärten sich inzwischen öffentlich als „gewaltfrei“.

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In einer der gewaltfreien Schulen

Gewalt im Alltag der Kinder und Jugendlichen

Gewalterfahrungen gehören für die meisten Kinder und Jugendlichen im kurdischen Nordirak zum Alltag. Die Ursachen und Gründe sind vielfältig und reichen von traditionellen Geschlechter- und Familienbildern über gewalttätige Herrschaftsstrukturen bis hin zu traumatischen Kriegsnachwirkungen und mangelnder Geschichtsaufarbeitung.

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Eine Keimzelle der Gewalt liegt im Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern. Eltern betrachten Kinder häufig als ihr Eigentum, ihnen wird weder ein eigenes Handlungsbewusstsein noch ein freier Wille zugestanden. Stattdessen haben Kinder ihren Eltern zu gehorchen, häufig auch über die Volljährigkeit hinaus. Die rechtlich garantierte körperliche Autonomie und Selbstbestimmung von Minderjährigen wird häufig verletzt. Eigene Vorstellungen und Wünsche werden zudem ignoriert oder sogar abgelehnt.

Siehe auch: Wadi’s NO to Violence Kampagne, Eine Erfolgsgeschichte

Leider herrscht oft auch an Schulen, ja schon in Kindergärten, Gewalt – ob körperlich oder seelisch. Schüler sind viel zu oft Erniedrigung, Geschlechterdiskriminierung, Schlägen und Machtmissbrauch von Seiten der Lehrer ausgesetzt, die nicht gelernt haben, ihre Autorität auf andere Weise durchzusetzen. Es gibt weder hier noch in der Familie sichere Rückzugsorte für Kinder, in denen sie lernen könnten, wie man mit traumatischen Erlebnissen und Erfahrungen von Ärger, Frust oder Verzweiflung umgehen kann.

Wadi-Aufklärungsbroschüren zur No to Violence Kampagne und zu Kinderrechten

Gewaltspiralen

Hinzu kommt eine mangelhafte Aufarbeitung der brutalen Geschichte dieser Region: Die Menschen litten in den 80er Jahren grausam unter der so genannten „Anfal“-Vernichtungskampagne des Saddam-Regimes. Hunderte Dörfer wurden damals dem Erdboden gleichgemacht, ganze Gebiete entvölkert, Zehntausende verschleppt und getötet. Bis heute wissen vielen Familien nicht, was mit ihren Angehörigen geschah. Auch das gefürchtete Giftgas kam zum Einsatz. Abgesehen von ein paar Erinnerungsstätten an die Toten und einigen Tagen des Gedenkens fand eine Auseinandersetzung mit dem Schrecken und eine Aufarbeitung dieser schweren Gewalterfahrungen und Verluste nur sehr bedingt statt. Stattdessen wurden besonders ländliche Gegenden trotz einiger bildungspolitischer und ökonomischer Fortschritte lange Jahre von der Regierung vernachlässigt. Die Überlebenden der Massaker erhielten wenig psychologische und soziale Unterstützung und waren weiterhin mit der in der Gesellschaft vorherrschenden Gewalt konfrontiert.

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Schild einer gewaltfreien Schule

Zudem befördern aktuellere regionale Ereignisse eine Spirale der Gewalt. Der Nordirak erlebte in jüngerer Zeit eine Reihe von Krisen: Den Kampf gegen den sogenannten ‚Islamischen Staat‘, eine tiefgreifende Rezession, die u. a. die Nicht-Bezahlung von Beamten (inkl. Lehrern) zur Folge hat, und eine große Zahl von Binnenflüchtlingen aus dem Zentralirak und Syrien.

Der Nordirak ist nun die neue Heimat für viele Menschen aus anderen Teilen des Irak und aus Syrien geworden – Menschen, die vor der Gewalt und Tyrannei des „Islamischen Staats“ und den Bombardierungen der „Koalition“ unter Assad geflohen waren. Viele von ihnen haben mit traumatischen Gewalterfahrungen zu kämpfen.

Erwachsene bedienen sich sowohl in der Schule als auch im eigenen Heim den Mitteln von Angst, Einschüchterung, Demütigung und körperlicher Gewalt, weil sie glauben, so für Ordnung sorgen zu können. Das hat zur Folge, dass Kinder über keinen angstfreien Raum verfügen, in den sie sich zurückziehen könnten. Sie sind dadurch permanent auf sich selbst zurückgeworfen und lernen nicht, wie man Probleme konstruktiv und gemeinsam lösen kann. Frust und Ärger können nicht entweichen, was zu einer permanenten Unterdrückung aggressiver Impulse führt, die letztlich häufig neue Gewalt erzeugt.

Leider wachsen viele Kinder im Nordirak – wie auch in anderen Teilen des Nahen Ostens – in einer „Kultur der Gewalt“ auf. Nach den langjährigen Erfahrungen von Wadi-Mitarbeiterinnen aus der Region handelt es sich dabei keineswegs um vereinzelte Zwischenfälle, sondern um ein strukturelles gesellschaftliches Problem.

So heißt es auch in einem detaillierten Bericht von UNICEF, dass „laut einer Beurteilung bei 76% der Kinder in Kurdistan Verhaltensveränderungen festgestellt wurden. Das am meisten verbreitete Verhaltensmuster bei Mädchen war ungewöhnliches Weinen und Schreien. 66% [der Eltern] gaben an, dass ihre Töchter sich häufig entsprechend verhielten. Weitere häufige Beobachtungen waren Traurigkeit, Albträume, unsoziales Verhalten und aggressives Verhalten. Bei Jungen trat ebenfalls am häufigsten ungewöhnliches Weinen und Schreien auf, gefolgt von Traurigkeit und Gewalt gegen jüngere Kinder.“

Aufklärungsarbeit in Seminaren

Mit unserer Kampagne gegen Gewalt in Schulen und Familien möchten wir dieses tiefsitzende Problem bearbeiten. Die Kampagne bietet Seminare über gewaltfreie Methoden der Konfliktlösung für Eltern, Lehrer und Kinder und gibt Aufklärung über die Rechtslage in Bezug auf häusliche Gewalt. Betroffene erhalten psychosoziale Unterstützung oder werden bei juristischen Fragen an Rechtsanwältinnen weiterverwiesen.

Allein 2019 erreichte Wadi auf diese Weise bei 156 Veranstaltungen mehr als 4000 Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern, außerdem bei 393 Versammlungen in oft sehr entlegenen Dörfern über 3600 Frauen und Männer.

Eines der zentralen Anliegen der Kampagne ist es, Partnerschaften mit Schulen zu schließen und die Lehrenden zu einem gewaltfreien Umgang mit Kindern und Jugendlichen anzuleiten. Dieser Ansatz hat sich in den vergangenen Jahren äußerst bewährt. Inzwischen arbeitet Wadi mit über dreißig solcher Schulen zusammen. Wichtig ist es dabei zu beachten, dass bloße Appelle an Erwachsene, gewaltfrei zu handeln, nicht ausreichen. Stattdessen müssen konkrete Handlungsalternativen aufgezeigt und intensiv durchgesprochen werden.

Langjährige Erfahrung

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist ein Problem des gesamten Nahen und Mittleren Ostens und beschränkt sich nicht auf Irakisch-Kurdistan. Man muss aber, auch das lehrt uns die Erfahrung, irgendwo mit einem Pilot-Projekt beginnen, das dann hoffentlich als Vorbild genommen und kopiert werden kann.

Wadi kann dabei auf eine langjährige Erfahrung und auch Erfolgsgeschichte mit ähnlichen Projekten verweisen – unter anderem auf die breit angelegte „Stop FGM-Kampagne“, die Arbeit mit syrischen Flüchtlingen, die Einrichtung des Jinda-Zentrums für Opfer des Islamischen Staates oder die Corona-Aufklärungskampagne. Mit 30 Jahren Erfahrung in der Region und entsprechender Verankerung befindet sich Wadi in einer ausgezeichneten Position, um Veränderungen in der Region anzustoßen. Auch diese Kampagne gegen Gewalt war von Anfang an langfristig angelegt. Denn wer in dieser Region wirklich etwas verändern will, braucht einen langen Atem und viel Geduld.

Die No-to-Violence Kampagne wurde vom deutschen BMZ unterstützt.

Damit sie erfolgreich weiter laufen kann, sind wir auf Spenden angewiesen.