Eine Kampagne gegen Gewalt in Schulen und Familien

Gewalt gegen Kinder in Schulen oder innerhalb der Familie ist im gesamten Nahen und Mittleren Osten ein schwerwiegendes, aber bislang kaum diskutiertes Thema. Während diese Gewalt in den verschiedensten Formen ausgeübt wird – ob körperlich oder emotional – sind die Gründe dahinter oft ähnlicher Art; Gewalt wird als der einzig effektive Weg erachtet, von Kindern Respekt einzufordern oder Autorität auszuüben. Zusammen mit lokalen Partnern startet WADI deshalb in der irakisch-kurdischen Region Garmyan eine Kampagne, die diese Gewalt thematisiert.

Gewalt im Alltag der Kinder und Jugendlichen

Gewalterfahrungen gehören auch für die meisten Kindern und Jugendlichen in der nordirakischen Region Garmyan zum zum Alltag. Die Ursachen und Gründe sind vielfältig und reichen von  Familie über Schule bis zu fehlender Geschichtsaufarbeitung und Krieg.

Eine Keimzelle der Gewalt liegt im Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern. Eltern betrachten Kinder häufig als ihr Eigentum, ihnen wird weder ein eigenes Handlungsbewusstsein noch ein freier Wille zugestanden. Stattdessen haben Kinder ihren Eltern zu gehorchen, häufig auch über die Volljährigkeit hinaus. Die rechtlich garantierte körperliche Autonomie und Selbstbestimmung von Minderjährigen wird häufig verletzt. Eigene Vorstellungen und Wünsche werden zudem ignoriert oder sogar abgelehnt.

Leider herrscht oft auch an Schulen, ja schon in Kindergärten, Gewalt, ob körperlich oder seelisch. Schüler sind sind viel zu oft Erniedrigung, Geschlechterdiskriminierung, Schlägen und Machtmissbrauch vonseiten der Lehrer ausgesetzt, die nicht gelernt haben, ihre Autorität auf eine andere Weise durchzusetzen. Es gibt weder hier noch in der Familie sichere Rückzugsorte für Kinder, in denen sie lernen könnten, wie man mit traumatischen Erlebnissen und Erfahrungen von Ärger, Frust oder Verzweiflung umgehen kann.

 

Eine Kultur und Spirale der Gewalt

Hinzu kommt eine mangelhafte Aufarbeitung der brutalen Geschichte dieser Region: Die Menschen in Garmyan litten ganz besonders unter der so genannten „Al-Anfal“-Vernichtungskampagne des Saddam Regimes. Hunderte Dörfer wurden damals dem Erdboden gleichgemacht, ganze Gebiete entvölkert, zehntausende verschleppt und getötet. Bis heute wissen vielen Familien nicht, was mit ihren Angehörigen geschah. Auch das gefürchtete Giftgas kam zum Einsatz. Abgesehen von ein paar Erinnerungsstätten an die Toten und einigen Tagen des Gedenkens fand eine Auseinandersetzung damit und eine Aufarbeitung dieser schweren Gewalterfahrungen und Verluste jedoch nur bedingt statt. Stattdessen wurde die Region trotz einiger bildungspolitischer und ökonomischer Fortschritte lange Jahre von der Regierung vernachlässigt. Die Überlebenden erhielten wenig psychologische und soziale Unterstützung und waren weiterhin mit der in der Gesellschaft vorherrschenden Gewalt konfrontiert.

Zudem befördern aktuelle regionale Ereignisse eine Spirale der Gewalt. Der Nordirak erlebt derzeit eine Reihe von Krisen: Den Kampf gegen den sogenannten ‚Islamischen Staat‘, eine tiefgreifende Rezession, die u.a. die Nicht-Bezahlung von Beamten (inkl. Lehrern) zur Folge hat und einen hohen Anstieg von Binnenflüchtlingen aus dem Zentralirak und Syrien. Garmyan ist nun die neue Heimat einer großen Anzahl von Menschen aus anderen Teilen des Irak und aus Syrien, die sowohl vor der Gewalt und Tyrannei des ‚Islamischen Staat‘ als auch von den Bombardierungen der ‚Koalition‘ unter Assad geflohen sind und häufig mit traumatischen Gewalterfahrungen zu kämpfen haben.

Dass Erwachsene sowohl in der Schule als auch zu Hause Angst, Einschüchterung, Spott und physische Gewalt nutzen, um für Ordnung zu sorgen, hat zur Folge, dass Kinder über keinen angstfreien Raum verfügen, in den sie sich zurückziehen könnten. So fehlt ihnen das Verständnis und die Erfahrung, mit eigenen Problemen umzugehen. Frust und Ärger können dadurch nicht entweichen, was zu einer permanenten Unterdrückung von Wut führt, die letztlich häufig in neue Gewalt mündet.

 

Leider wachsen viele Kinder im Nordirak – wie auch in anderen Teilen des Nahen Ostens – in einer „Kultur der Gewalt“ auf. Nach den langjährigen Erfahrungen von Wadi-Mitarbeiterinnen aus der Region handelt es sich dabei keineswegs um vereinzelte Zwischenfälle, sondern um ein strukturelles gesellschaftliches Problem. So heißt es auch in einem detaillierten Bericht von UNICEF, dass „laut einer Beurteilung bei 76 % der Kinder in Kurdistan Verhaltensveränderungen festgestellt wurden. Das am meisten verbreitetste Verhaltensmuster bei Mädchen war ungewöhnliches Weinen und Schreien, von dem 66 % [der Eltern] sagten, dass ihre Kinder betroffen seien. Gefolgt von Traurigkeit, Albträumen, unsozialem Verhalten sowie aggressivem Verhalten. Bei Jungen trat ebenfalls am häufigsten ungewöhnliches Weinen und Schreien auf, gefolgt von Traurigkeit und Gewalt gegen jüngere Kinder.

Aufklärungsarbeit in Seminaren

Mit unserer Kampagne gegen Gewalt in Schulen und Familien möchten wir dieses tiefsitzende Problem bekämpfen. Die Kampagne wird Seminare über gewaltfreie Methoden der Konfliktlösung für Eltern, Lehrer und Kinder beinhalten und soll Aufklärung über die Rechtslage im Hinblick auf das Gesetz Nr. 8 der kurdischen Autonomieregion gegen häusliche Gewalt leisten. Darüberhinaus wird psychosoziale Unterstützung angeboten werden.

Eines der zentralen Ziele ist es, Partnerschaften mit Schulen zu schließen und die Lehrenden zu einem gewaltfreien Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu ermutigen. Wichtig ist es dabei zu beachten, dass bloße Appelle an Erwachsene, gewaltfrei zu handeln, nicht ausreichen. Stattdessen sollen konkrete Alternativen eines gewaltfreien Umgangs aufgezeigt und vorgestellt werden. Dabei hilft vor allem der Verweis auf bereits erfolgreich durchgeführte Projekte und erwirkte Veränderungen in anderen Ländern und Regionen, welche als vorbildhafte Beispiele dienen können.

 

Langjährige Erfahrung

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist ein Problem des gesamten Nahen und Mittleren Ostens und beschränkt sich nicht auf Irakisch-Kurdistan. Man muss aber, auch das lehrt uns die Erfahrung, irgendwo mit einem Pilot-Projekt beginnen, das dann als Vorbild genommen und kopiert werden kann. Diese Kampagne konzentriert sich deshalb anfangs vor allem auf die Region Garmyan und soll dann, im besten Falle, später selbst als Vorbild dienen.

Wadi kann dabei auf eine langjährige Erfahrung und auch Erfolgsgeschichte mit ähnlichen Projekten verweisen; unter anderem auf die breit angelegte „Stop FGM-Kampagne“, die Arbeit mit syrischen Flüchtlingen oder die Einrichtung des Jinda-Zentrums für Opfer des Islamischen Staates. Mit 25 Jahren Erfahrung in der Region befindet sich Wadi in einer einzigartigen Position, um Veränderungen in der Region anzustoßen. Auch diese Kampagne gegen Gewalt in Schulen und Familien, die gezielt in der Region Garmyan ansetzt, soll Stück für Stück auf die Region erweitert und, ähnlich wie FGM-Kampagne, zu einer breiten gesellschaftlichen Veränderung beitragen.